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Liebe Freunde von Choga Regina Egbeme!
Im Folgenden finden Sie einige Leseproben aus Chogas ersten Buch
„Hinter goldenen Gittern - Ich wurde im Harem geboren“
Die hier vorgestellten Auszüge, die keine ganzen Kapitel darstellen, sollen Ihnen einen ersten Eindruck vermitteln. Sie sind nur für Sie persönlich und nicht zur Weitergabe an andere Personen bestimmt.
Beachten Sie bitte das entsprechende Copyright.
Eine Sehnsucht
In meinen Träumen versuchte ich mir manchmal vorzustellen, wie es dort aussehen mochte, wo meine Schwester Magdalena lebte. Allerdings wusste ich nicht einmal wie sich grünes Gras anfühlte!
„Soll ich dir welches besorgen?“, fragte Mutter, als ich etwa vier Jahre alt war.
„Wo gibt es denn Gras?“
„Ich werde dir Grassamen aus Deutschland mitbringen.“
„Ich will auch nach Deutschland!“, rief ich.
Diesen Wunsch konnte meine Mutter mir nicht erfüllen. Heute weiß ich, dass das auch gar nicht möglich gewesen wäre, denn ich hatte keinerlei Personaldokumente: Mein Vater hat meine Geburt niemals offiziell gemeldet. Das allerdings war nicht der wirkliche Grund, wie Mutter mir wesentlich später gestand: Vater hatte Sorge, dass wir beide nicht wieder nach Nigeria zurückkommen würden. Blieb ich allerdings im Harem, würde seine 33. Frau das nicht wagen.
„Hatte Papa David denn Grund zu dieser Sorge?“, fragte ich meine Mutter, als ich selbst schon erwachsen war.
„Ich liebte deinen Vater und hatte mich im Harem gut eingelebt. Ich sah überhaupt keinen Anlass, wieder in Deutschland zu wohnen. Noch dazu, wo dein Vater im Begriff war, ein neues Farmprojekt aufzuziehen, an dem ich beteiligt sein konnte.“
Mutter reiste allein. In ihrem Testament hatte Oma Maria das Erbe zwischen Onkel Xaver und meiner Mutter geteilt. Der Onkel bekam natürlich den Hof, meiner Mutter wurden Wiesen und Felder vermacht. Sie hatte mit keinem großen Erbe gerechnet. Doch in Bayern wurde ihr eröffnet, dass auf dem scheinbar wertlosen Land ein großer Golfplatz eingerichtet werden sollte. Nun waren die „sauren Wiesen“ ein Vermögen wert und das wollte man der „Ehebrecherin“ nicht kampflos überlassen. Statt wie geplant zwei Wochen blieb Mutter drei Monate lang in Deutschland.
Als sie zurück kam, brachte sie mir einen Karton voll Grassamen mit. Mama Bisi grub für mich ein vier mal vier Meter großes Stückchen harten Boden um, das zwischen unserem Haus und dem Garagengebäude der Autos lag. Dann streuten wir deutschen Grassamen darauf. Daraus wollte ich Magdalenas Deutschland erstehen lassen. Ich hatte dafür zu sorgen, dass dieser kleine Flecken Erde immer etwas feucht war. Was in der langen regenarmen Zeit nicht einfach war. Dreimal am Tag begoss ich den immer wieder austrocknenden Boden! Mutter hatte mir gesagt, dass aus dem Samen eine bayerische Wiese erwachsen würde, eine wie es sie bei ihr Zuhause gab. Ich ordnete rings um meine künftige Wiese eine Markierung aus Steinen, lag am Boden und freute mich, als sich darin ein leichter grüner Flaum bildete.
Natürlich hatte ich angenommen, dass wir in Afrika irgendwann diese weißen Blumen haben würden, aus denen Magdalena den Kranz geflochten hatte, mit dem ich sie auf dem Bild im Schlafzimmer sah. Trotz all meiner Fürsorge spross keine Margerite. Das Gras war anfangs zwar weich, bildete aber bald gelbe Spitzen. Dann wurde ich krank, ging eine Woche lang nicht zu meinem kleinen Stück Deutschland -- und übrig waren vertrocknete, harte Gräser im rissigen Boden. Magdalenas Land war von der afrikanischen Sonne aufgefressen worden. Ich kippte viel Wasser darauf, aber mehr als ein paar spärliche Halme ließen sich nicht blicken. Und die ließ sich dann eine Ziege schmecken.
Mutter nahm mich tröstend in den Arm: „Wenn ich das nächste Mal nach Deutschland fahre, nehme ich dich mit. Dann kannst du über eine richtige Wiese laufen. Stundenlang.“
Sie fuhr zwar ein Jahr später wieder nach Deutschland. Doch mitnehmen durfte sie mich wieder nicht. Ob dieses Misstrauen, das Vater ihr unterschwellig entgegenbrachte, die Beziehung der beiden belastete, kann ich nicht sagen. Anmerken ließ sich Mutter es jedenfalls nicht. Andererseits war es ihr wichtig, dass ich wusste, dass ein Teil meiner Wurzeln in Deutschland liegt.
So hatte sie schon zeitig damit begonnen, mir Deutschunterricht zu geben. Sie brachte mir alle Kinderlieder bei, später deutsche Gedichte, die sie aus den deutschen Büchern, die sie beim zweiten Besuch in einer großen Kiste mitbrachte, gemeinsam mit mir einstudierte. Ich habe sie alle vergessen. Nur noch an eines erinnere ich mich: Wer reitet so spät durch Nacht und Wind ... Weil es so schön gruselig ist. Kinderlieder konnte ich mir besser merken: Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm ... Immer wieder übte Mutter mit mir das deutsche Ä. Heute kann mein kleiner Sohn Joshua dies Lied auch. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob er weiß, was er da singt.
In dieser Zeit, zwischen meinem fünften und achten Lebensjahr, begann meine Mutter für die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach einem Landleben zu sorgen. Dazu kamen zwei Dinge zusammen: das unverhofft große Erbe und die besondere Gabe meines Vaters -- seine stets großen Ideen. Meine Mutter besaß das nötige Geld, damit er die neuste realisieren konnte.
Papa David hatte von einem sehr erfolgversprechenden Farmprojekt nordöstlich von Abuja gehört. Abuja, mitten im Land, 1000 Kilometer von Lagos entfernt, war 1976 zur neuen Hauptstadt Nigerias ausgerufen worden. In den Ausläufern des fruchtbaren Jos-Plateau stand eine heruntergekommene Farm zu verkaufen. Der Ort hieß Jeba. Vater, dessen Kontakte sich inzwischen über das ganze Land erstreckten, erkannte die enormen Vorteile der Lage Jebas: Die neue Hauptstadt würde irgendwann einmal Millionen Menschen anziehen (inzwischen sind es ca. 700.000). Und die brauchten Nahrung. Mit einer großen, auf die Bedürfnisse der Städter zugeschnittenen Farmproduktion würde viel Geld zu verdienen sein. Er sprach darüber mit Mutter.
Vaters Idee einer großen Farm fand bei ihr offene Ohren. Gemeinsam mit Vater besah sie sich das Projekt in Jeba und war von der Lage und dem fruchtbaren Boden begeistert. Abgesehen davon ist das leicht hügelige, weite Land zum Verlieben schön. Die Farm wurde mit Mutters Geld gekauft, Eigentümer wurde allerdings mein Vater, der eine andere Familie dorthin schickte, um die Farm aufzubauen. Meine Mutter durfte lediglich wochenweise nach Jeba reisen.
Als die Sache mit Jeba begann, erfuhr ich davon natürlich kein Wort. Später verteidigte sie Vaters Vorgehen: „Es hätte nicht afrikanischen Sitten entsprochen, wenn ich fortgegangen wäre.“ Bei ihrem zweiten Deutschlandbesuch erstand Mutter landwirtschaftliches Gerät. All das verschlang einen Großteil des Erbes. Es brachte aber nicht den von Papa David erhofften Gewinn. Was ihn seine Meinung über „afrikanische Sitten“ wohl ändern ließ. So weit ich weiß, war meine Mutter die einzige Frau, der mein Vater überhaupt erlaubte, den Harem auf längere Zeit zu verlassen, um für ihn jenseits der hohen Mauern Aufgaben zu übernehmen. Aber der drohende Niedergang der Farm ließ ihn seine Meinung ändern.
Später fand Mutter mit gegenüber auch dafür eine vertretbare Begründung: „Ich befand mich nun wirklich in der Menopause. Eine Frau, die keine Kinder mehr bekommen kann, darf ihren eigenen Geschäften nachgehen.“ In der Tat beginnt die Zeit selbstbestimmten Frauenlebens nach Ansicht nigerianischer Männer erst mit Mitte 40. Mutter war damals, Anfang 1984, gerade 50 Jahre alt.
Ich war knapp acht, als meine Mutter mir eröffnete, dass sie und ich den Harem verlassen würden, um in Jeba zu leben. Natürlich hätte ich am liebsten geweint und geschrien, dass ich nicht fort will von meinen Mamas und Schwestern, dass ich mein Zuhause liebte, meine Schule. Meine kleine, so vollkommen erscheinende Welt. Aber ich bin so erzogen worden, niemals einer meiner Mamas zu widersprechen. Auch nicht meiner eigenen Mutter. Es war nur erlaubt, respektvoll zu fragen, warum etwas geschah oder eine Erwachsene etwas für richtig hielt. Die Erwachsenen wiederum hatten das zu respektieren und vernünftige Begründungen zu geben. Das taten auch alle; sie nahmen uns Kinder für voll.
Meine Mutter erklärte mir geduldig die Gründe für den bevorstehenden Auszug aus dem Harem. Sie sprach von der Aufgabe der Farm, den Menschen Nahrung zu verschaffen, von der Arbeit des damaligen Verwalters, der sich mit den teuren deutschen Geräten nicht auskannte, so dass ständig etwas kaputt und somit die Farm hoch verschuldet war. Sie sagte, dass Papa David deshalb entschieden hatte, dass sie die Leitung Jebas übernehmen sollte. Da das aber bedeutet hätte, dass sie und ich ganz getrennt gewesen wären, hatte Vater erlaubt, dass ich mit nach Jeba gehen sollte.
„Warum darf Mama Bisi nicht mitkommen? Sie macht alle Pflanzen gesund! Und Mama Ada? Sie ist stark und baut Häuser!“, protestierte ich. Als Kind griff ich somit in das Schicksal meiner Mamas ein -- weil ich sie um mich haben wollte. Denn ich hing an ihnen wie an meiner leiblichen Mutter. Bisi musste nicht lange überredet werden! Sie freute sich, uns begleiten zu dürfen. Mama Bisis Töchter Jem und Efe, inzwischen zwölf und zehn, kamen auch mit. Mama Ada befand sich am Beginn einer Schwangerschaft, weshalb auch sie mitreisen durfte.
Allerdings behielten Mutter, Ada und Bisi auch während ihrer Abwesenheit vom Harem ihre Räume. Alles andere hätte bedeutet, dass sie -- so wie die ungehorsame Mama Idu Jahre zuvor -- als Verstoßene gegolten hätten. Nur ihren Platz im Mama Pattys Tribunal musste Mutter aufgeben. Und verlor damit an Einfluss auf die Geschicke der übrigen Frauen.
Unser Abschied vom Harem war tränenreich und sogar Vater ließ sich in unseren Quartieren blicken, gab Ratschläge, was mitzunehmen sei. „Warum kommst du nicht mit, Papa David?“, fragte ich meinen Vater. Es war eine der seltenen Gelegenheiten, dass ich mich direkt an ihn wenden konnte.
Mein Vater schickte einen verwunderten Blick zu meiner Mutter. Dann beugte er sich langsam zu mir herab: „Papa David ist immer bei dir, kleine Choga. Aber manche Dinge kann ich nicht selbst machen. Du kannst sehr stolz auf deine Mutter, Mama Bisi und Mama Ada sein. Tu, was sie dir sagen, denn was deine Mamas dir sagen, das kommt auch von Papa David.“
„Aber du wirst uns doch besuchen?“
„So oft ich kann, kleine Choga. Sei unbesorgt, du wirst dich dort wohlfühlen, wo ihr hinfahrt.“
Eine Sünde
Jos Motorrad war schon sehr alt und verlangte viel Pflege. Aber auch das konnte nicht verhindern, dass auf dem Weg zum Markt -- glücklicherweise nicht weit vom Ort Jeba -- der Motor endgültig kaputt ging. Während ich unsere Sachen allein verkaufte, brachte Jo das Motorrad zu einer Werkstatt. Es war das erste Mal, dass ich allein am Stand verkaufte, was mir auch nicht viel ausmachte. Jo hatte auf dem Markt Freunde gefunden und schwatzte meistens ohnehin in der Nähe mit ihnen. Durch meine weiße Kleidung stach ich aus der Menge der bunt gekleideten Händlerinnen heraus. Meistens lockerte ich den Schleier, so dass nur noch meine Haare bedeckt waren. So ließ sich die Hitze unter freiem Himmel besser ertragen.
Dieser Markt wird sehr selten von Europäern besucht, da die touristisch attraktiven Ziele des Jos-Plateaus (die sehenswerten Felsformationen, der Yankaripark oder das berühmte Freilichtmuseum in Jos) rund 60 Kilometer entfernt sind. Aber ausgerechnet an diesem Tag erschien ein Weißer, der an meinem Stand stehen blieb. Ich starrte den Mann einfach an, obwohl ich nicht so erzogen worden war. Der Weiße bückte sich herab zu meinen ausgebreiteten Waren und nahm sie nacheinander in die Hand.
„Das sieht aber nicht aus, als käme es aus dieser Gegend“, sagte der Mann in Englisch.
„Das machen wir alles selbst“, antwortete ich.
Der Mann nahm eines der tönernen Einmachgefäße in die Hand: „Hat das deine Mutter gemacht?“ Ich nickte. „Wo kommt denn deine Mutter her?“
„Aus Deutschland. Es ist ein deutsches Rezept und schmeckt sehr lecker.“ Ich nannte den Preis.
„Wie heißt du denn?“, fragte mich der Mann auf deutsch. Ohne zu überlegen gab ich Antwort. „Dann sprichst du meine Sprache?“, fuhr der Mann in Deutsch fort. Nun wollte er alles ganz genau wissen und hockte sich zu mir auf den Boden. Obwohl ich sonst immer sehr gute Geschäfte machte, traute sich keine meiner üblichen Kundinnen zu mir hin. Mir wurde unbehaglich. Was sollte ich zuhause erzählen, wenn ich ohne Geld käme? Und dann auch noch das kaputte Motorrad, für das gewiss eine Menge Geld gebraucht würde!
Schließlich kam der weiße Mann auf die Madonnen zu sprechen, von denen noch vier übrig waren. Warum ich ausgerechnet „so etwas“ verkaufte und keine traditionellen afrikanischen Sachen?
„Weil die Madonna so schön ist“, antwortete ich ehrlich.
„Aber sie ist schwarz“, meinte der Mann.
Ich sah den Weißen verwirrt an. „Ja“, sagte ich schließlich. Darüber hatte ich nie nachgedacht. Für mich war auch Jesus Christus schwarz. Etwas anderes kam gar nicht in Frage.
„Weißt du was?“, meinte der Mann, „ich kaufe dir alle deine Madonnen ab. Und das ganze eingemachte Gemüse.“
„Die Tontöpfe brauche ich aber wieder. Mutter muss darin neues Gemüse einmachen.“ Alle Kundinnen brachten die kostbaren Gefäße zurück.
Der Weiße dachte nach. „Okay. Bist du nächsten Samstag wieder hier?“ Ich nickte. Der Mann legte ohne zu fragen einige Scheine Geld vor mich hin. „Ist das genug?“ Reflexartig griff ich nach dem Geld, zählte, nickte. „Also, bis nächsten Samstag“, sagte der Mann. „Und wenn du kannst, bring mehr mit.“ Dann sammelte er seine Einkäufe ein und ging. Ich saß sprachlos vor meinem abgeräumten Tuch, auf dem nur zwei leere Tontöpfe übrig geblieben waren, die eine Frau bereits am Morgen zurückgegeben hatte.
Als Jo irgendwann zurückkam, zählte ich zum ich-weiß-nicht-wie vielten Mal das Geld des weißen Mannes. Die Summe, die er mir gegeben hatte, war so hoch wie der Erlös aus sieben Samstagen. Ich berichtete dem fassungslosen Jo die Geschichte. Dann gingen wir zufuß zurück zur Farm. Es war glühend heiß und die Luft staubtrocken, meine Beine schmerzten von dem langen Weg.
„Was ist eigentlich mit dem Motorrad?“, fragte ich Jo. Bis dahin hatte ich gar nicht mehr daran gedacht.
„Der Mann aus der Werkstatt sagt, er braucht einen neuen Motor. Aber der ist sehr teuer.“
„Wie viel kostet der?“ Jo nannte die Summe. Ich rechnete nach. Wenn der Weiße drei Mal käme, würde das Geld reichen. Und ich müsste nicht laufen. Erschöpft setzte ich mich auf die staubige Erde. „Mama Lisa erwartet nicht so viel Geld“, sagte ich schließlich. „Wir könnten einen Teil behalten. Und die nächsten Male auch“, überlegte ich laut, blickte aber nicht Jo an. „Dann könntest du das Motorrad reparieren lassen.“
„Das ist eine Sünde, Choga. So etwas darf man nicht denken. Das Geld gehört der Familie, wir können es nicht behalten.“
„Ja“, sagte ich. Ich stand auf und schleppte mich weiter, musste nach einer Weile wieder Halt machen.
„Ich werde dich tragen“, meinte Jo. Er nahm mich auf seinen Rücken und trug mich das ganze Stück bis zur Farm. Es dunkelte fast, als wir heimkamen.
Ich wollte nicht sündigen. Aber auch nicht den weiten Weg zum Markt und zurück zu Fuß gehen müssen. Denn die einzige Alternative bestand aus einem vierrädrigen Handkarren, einer Art Anhänger, stabil, aber schwer, den beladen nur ein kräftiger Mann wie Jo ziehen konnte. Mich zu den Waren zu setzen und von ihm ziehen zu lassen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich war doch keine Prinzessin!
Also sann ich nach einem Ausweg. Ich erzählte Mutter zwar von dem Weißen und lieferte viel Geld bei ihr ab. Aber nicht alles. Das fiel nicht auf, da Jo nicht dabei war. Ich behielt ein Viertel des Geldes, stopfte es -- sorgsam verpackt in eine Plastiktüte -- in eine alte Blechdose, die ich hinter dem Bougainvilleabusch vergrub. Ich schämte mich, dass ich nicht mal ein schlechtes Gewissen hatte. Sondern war sogar noch ein bisschen stolz auf mein geschicktes Vorgehen.
Mutter machte sich um Jos kaputtes Motorrad wenig Sorgen. „Wir kommen auch ohne zurecht“, meinte sie. „Wir haben ja noch den alten Traktor. Okereke kann dich damit zum Markt bringen. Wenn der deutsche Mann mehr kaufen will, ist es ohnehin besser, ihr nehmt den Traktor und einen Anhänger.“ Überdies war die Zeit, in der Süßkartoffeln angeboten werden konnten. Für die Ernte wurde Jo dringend gebraucht. Auf dem Markt angekommen, erwies sich meine Befürchtung, der alte Lehrer würde bei mir bleiben, als überflüssig. Im Gegenteil: Okereke setzte mich mit einiger Ware ab und fuhr weiter.
Der Deutsche tauchte diesmal mit seiner weißen Frau und einem schwarzen Bediensteten auf. Die Frau deutete auf das Einmachgemüse, von dem sie praktisch sämtliche Töpfe aufkaufte und mir dafür einen Berg von leeren, sauber gespülten ablieferte. Sie lobte das Essen und fragte mich über Mutter aus. Mutter hatte mir zuhause eingeschärft, nicht zu verraten, wo sich unsere Farm befand.
„Warum nicht?“, hatte ich gefragt.
„Wir wollen hier in Ruhe leben“, hatte Mutter gesagt. Das hatte ich eingesehen.
„Seid ihr denn die einzigen Deutschen, die auf der Farm leben?“, wollte die weiße Frau auf dem Markt von mir wissen.
„Ich bin Nigerianerin“, antwortete ich. Sie fragten, ob ich schon mal in Deutschland war und wer mein Vater sei. Das ärgerte mich. Ich dachte an die Blechdose im Versteck und an das Geld, das ich haben wollte, damit Jo wieder ein Motorrad bekäme. „Kann ich bitte das Geld bekommen?“, fragte ich leise. Der Mann griff in seine Tasche und legte einen kleinen Berg Papierscheine vor mir hin. Ich ließ die Nairas verschwinden; es war, das erkannte ich ohne nachzuzählen, noch mehr als beim ersten Mal.
Dann fingen sie wieder von den schwarzen Madonnen an, warum wir die machten. Sie fragten, ob ich auch glaubte, dass Jesus schwarz sei. „Ja“, antwortete ich.
„Und deine Mutter glaubt das auch?“, fragte die Frau aus Deutschland. Ich nickte. „Aber deine Mutter kann das doch nicht immer geglaubt haben“, sagte die Frau.
Ich weiß noch, dass ich auf die Schuhe der beiden Deutschen sah. Sie waren aus Leder, aus neuem Leder. Ob es angenehm war, in solchen Schuhen zu laufen?, dachte ich. Dann fiel mit Magdalena ein, meine deutsche Schwester. Ob sie auch solche Schuhe trug, wenn sie über die grünen Wiesen mit den Margeriten lief?
„Lass das Mädchen“, sagte der Mann. Er gab mir noch mehr Geld und nahm die fünf Madonnen mit, die wir in der vorangegangenen Woche geschnitzt hatten. Zu mehr hatte die Zeit wegen der Kartoffelernte nicht gereicht, obwohl ich allein drei fertig gestellt hatte.
„Bist du glücklich, Kind?“, fragte mich die Frau. Ich sah ihre Schuhe; sie hatte weiße, schmale Füße.
„Ich möchte mal Ihre Schuhe anziehen“, stieß ich hervor. Die Frau streifte die Schuhe ab und reichte sie mir. Ich zog die Schuhe an und stand auf. Sie waren viel zu groß. Trotzdem machte ich einige Schritte.
„Mein Gott, sie ist ein Krüppel“, hörte ich die Frau hinter meinem Rücken sagen.
„Sie versteht dich doch“, zischte ihr Mann.
Die Schuhe waren ganz weich, nicht so hart wie jene, die ich in Lagos erhalten hatte und die sich wie Krücken anfühlten. Es war ein angenehmes Gefühl, sie zu spüren. Ich reichte der Frau die Schuhe zurück. Sie zog sie an und ging mit ihrem Mann fort. Ich habe sie nie wiedergesehen. Ihr Mann kam noch drei Mal mit seinem Bediensteten, kaufte immer sehr viel und bezahlte sehr gut.
Die Braut im Brunnen
Ein Lastwagen fuhr die staubige Straße zu uns herauf. Ich glaubte, die Ernte würde in die Stadt gebracht werden. Doch dieser Besuch galt Jem. Der Mann, der gekommen war, wollte Mama Bisis Tochter Jem abholen, um sie zu heiraten. Jem war damals mit 17 bereits in dem Alter, in dem sie Kinder bekommen sollte. Niemand hatte ihr oder ihrer Mutter Bisi gesagt, dass Papa David für sie einen Mann ausgesucht hatte! Papa Sunday fuhr zwar mit einem Mercedes vor, der ihn als wichtiges Familienoberhaupt auswies, aber er war gewiss schon 50 Jahre alt, dick und einen halben Kopf kleiner als Jem.
„Ich will nicht so einen alten Mann heiraten!“, schrie Jem, kaum dass sie ihren Bräutigam gesehen hatte. Sie rannte davon und versteckte sich. Alle suchten sie. Jem war schon zwei Tage lang verschwunden, als ich sie zufällig in einem stillgelegten Brunnenschacht entdeckte. Wie sie da unten hockte, musste ich an unsere Rapunzel-Spiele auf der Außentreppe zwischen den Stockwerken im Haremhaus denken. Sie wollte immer gerettet werden, allerdings nicht von mir ... Unser Verhältnis war nach ihrer Hänselei wegen meines Beinproblems nicht das beste gewesen. Auf der Farm hielt sie sich im Gegensatz zu Efe meistens von mir fern und verbrachte die Zeit mit den Erntehelferinnen, die in ihrem Alter waren.
Aber jetzt war sie verzweifelt und ich bedauerte sie richtig. Ich fand es nicht fair, sie mit einem Mann zu verheiraten, der dreimal so alt war wie sie selbst. Ich kehrte zurück zum Haus, brachte ihr heimlich mein Essen, ohne selbst ihre Schwester Efe einzuweihen.
Jem saß unten in ihrem Verlies und blickte mit glühenden Augen zu mir hoch: „Tut mir Leid, Choga, dass ich dich so schlecht behandelt habe.“
Ratlos hob ich die Schultern. „Du kannst doch nicht für immer da drinnen bleiben“, sagte ich.
„Lieber bleibe ich hier im Brunnen. Irgendwann wird der Mann schon wieder wegfahren. Solange du mich nicht verhungern lässt, werde ich es schon aushalten.“
Aber die Sache ging anders weiter als Jem und ich dachten: Der Bräutigam fuhr in die Stadt, rief Papa David an und berichtete ihm sein Pech. Mit einem zufriedenen Gesicht stieg er bei seiner Rückkehr aus dem großen Auto. Ich beeilte mich, in die Nähe von Mutter, Mama Bisi und Papa Sunday zu kommen, um das Gespräch belauschen zu können.
„Papa David ist ein weiser Mann“, tönte Papa Sunday. „Er sagt, Efe ist ebenfalls in dem Alter, in dem sie heiraten sollte.“
„Das hat Papa David gesagt?“, fragte meine Mutter so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.
„Sie ist erst vor ein paar Monaten 15 Jahre alt geworden“, stellte ihre Mutter fest. In Mama Bisis Stimme lag ein fast flehender Ton, mit dem sie den Bräutigam um Einsicht zu bitten schien.
„Efe, komm einmal her!“, rief Papa Sunday im Befehlston quer über den Hof. Efe beschäftigte sich nahe der Scheune garde mit ihrem Lieblingsspiel: Sie warf Steine in einen Blechtopf. Dessen Boden war durchgerostet. So viele Steine hindurchfielen, wenn sie schließlich den Topf anhob, so viele Kinder würde sie bekommen. An diesem Nachmittag musste Efe ihr Spiel unterbrechen, denn in diesem Augenblick begann ihr Leben als Frau.
Papa Sunday begutachtete seine künftige Frau wohlwollend. „Du bist ein hübsches Kind“, sagte er anerkennend. Efe blickte beschämt auf den Boden. „Ich stimme Papa Davids Vorschlag zu!“, verkündete Papa Sunday. „Dein Vater sagt, ich soll dich jetzt gleich mitnehmen.“
„Wohin?“, fragte Efe überrascht.
„Du wirst Papa Sundays Frau“, sagte Mama Bisi so leise, dass es einem Flüstern glich.
„Aber Jem ...!“, begann Efe, brach ab, sah in die versteinerten Gesichter vom Mutter und Mama Bisi. Sie hatte verstanden. Sie rannte an meinem Versteck vorbei in unser gemeinsames Zimmer. Ich gab meine Deckung auf und eilte ihr nach. Efe lag auf der Schlafmatte und heulte. Ich versuchte, sie zu streicheln und zu trösten, redete aber nur irgendeinen Unsinn. Indem ich Jem beschützt hatte, trieb ich Efe, an der ich wirklich hing, in die Arme dieses alten Mannes und sorgte so unwillentlich dafür, dass Efe in die Fußstapfen ihrer Schwester Jem musste.
Ich stieß das Fenster auf: „Lauf davon, Efe, schnell. Dann nimmt er dich nicht mit!“
Efe drehte sich um und sah mich mit verweintem Gesicht an: „Das geht nicht, Choga. Sie finden mich ja doch.“ Schweigend begann sie ihre wenigen Habseligkeiten und ihre beiden Kleider in eine Pappschachtel zu legen. Wir umarmten uns, dann ging sie aus dem Zimmer.
Damit sich das Unglück nicht wiederholen konnte, wurde Efe unverzüglich ins Auto geladen. Efe und ihr Bräutigam bekamen Yamswurzeln, Mais und Saatgut mit und fuhren davon. Nach Kaduna, zu jener Familie, der Papa Sunday vorstand.
Mama Bisi war furchtbar verärgert über ihre Tochter Jem, die sie derart blamiert hatte. Ausgerechnet meine Lieblingsmama, die ich niemals ein böses Wort habe sagen hören, schäumte vor Wut. Mein alter Lehrer Okereke erklärte, dass es normal sei, Mädchen auf diese Weise zu verheiraten.
Ich ging zu meiner Mutter und fragte, ob ich auch eines Tages einfach abgeholt werden würde.
„Dein Vater wird dir einen Mann aussuchen, wenn es so weit ist“, antwortete Mutter.
„Kann ich ihn denn nicht wenigstens vorher kennen lernen?“, fragte ich.
„Die Liebe zwischen Mann und Frau kommt mit der Zeit“, beruhigte mich Mutter. Schließlich hatten wir alle gelernt, dass eine Ehe geschlossen wird, um Kinder zu haben. Jems Verhalten galt demnach als selbstsüchtig und eitel. Nicht das Mädchen hatte sich einen Bräutigam auszusuchen. Sondern ihr Vater hatte darauf zu achten, dass sie einen Mann bekam, der sie gut versorgte und achtete, damit die gemeinsamen Kinder im Schutz der Familie aufwachsen konnten. Das war der Sinn einer Ehe. Indem ich zu Jem hielt, widersetzte ich mich dem Willen meines Vaters, der im Interesse meiner Schwester handelte.
Deshalb sah Mutter mich scharf an: „Du weißt, wo Jem ist?“
Ich durfte nicht lügen und gestand. „Was wird mit ihr geschehen?“, fragte ich.
Mutter nahm meine Hände in ihre. „Ich werde sehen, was ich für Jem tun kann, Choga Regina. Aber es kann sein, dass Papa David sehr böse wird.“
„Wird er Jem fortschicken?“
„Eine Tochter muss ihrem Vater gehorchen. Das Wort eines Mannes gilt nichts mehr, wenn sich ihm die eigenen Töchter widersetzen.“ Sie musste mir nicht sagen, dass ich mich so niemals verhalten durfte.
Mama Bisi ahnte, dass Jems Benehmen schlimme Folgen haben würde. Vielleicht wusste sie es auch aus ihrem verbotenen Orakel. Sie nahm mich beiseite: „Lauf zu Jem und sag ihr, dass sie sofort zurückkommen muss und Buße tun.“
„Ist er weg?“, fragte Jem, als ich gegen Abend an ihrem Versteck erschien.
„Er hat Efe mitgenommen. Sie wird jetzt seine Frau.“ Ich erzählte ihr die Geschichte.
„Das ist ja noch mal gutgegangen!“, platzte Jem hervor. „Und jetzt hilf mir raus.“
Kamel und Elefant
Auf den ersten Blick wirkte Papa Felix recht freundlich. Obwohl er nach meinem Empfinden als damals 14-Jährige sehr alt zu sein schien (später erst erfuhr ich, dass er damals 46 war), wirkte er trotzdem jünger. Er war sehr schlank und lachte viel. Aber sein Lachen gefiel mir nicht. Es schien gespielt. Er hatte große weiße Zähne, die er immer entblößte. Das gab ihm das Aussehen eines gefährlichen Tiers. Nach allem, was Jo mir alles erzählt hatte, war ich total überzeugt, dass Papa Felix nur so tat, als wäre er ein netter Kerl. Am Unangenehmsten fand ich seine Hände und seine Augen. Die waren ständig in Bewegung, schienen nach einem greifen zu wollen. Ich fragte mich, wieso mein Vater, der so viele Menschen kannte, nicht sah, was für eine Art von Mensch sein Stellvertreter wirklich war. Aber ich schimpfte mich selbst wegen meiner Voreingenommenheit. Denn bislang kannte ich Felix nur vom Hörensagen.
Wenn man Papa Felix sah, konnte man unschwer erahnen, wer sein Vorbild war: Er kleidete sich wie mein Vater in eine weite Baba Riga, deren weißer Stoff golddurchwirkt war und schmückte sich mit der gleichen hohen Mütze. Im Gegensatz zu Papa David war Papa Felix schmaler, schlanker und kleiner.
„Der Papa, der gern ein großer Mann wäre“, sagte Mama Ada. Sie hatte gut reden: Ada war einen halben Kopf größer als Felix! Während mein Vater sich langsam und gemessen bewegte, was wohl das Geheimnis seines beeindruckenden Auftretens war, schien Felix von innerer Unruhe getrieben. Ständig tauchte er irgendwo auf der Farm auf, wenn man nicht mit ihm rechnete. Für den Leiter einer Farm mag das eine gute Idee sein, denn dann wirkt er allgegenwärtig und niemand vernachlässigt seine Arbeit. Felix jedoch gab keine Ratschläge, wie etwas zu verbessern sei, sondern verwickelte einen in Gespräche über Nebensächliches. Genau genommen hielt er die Leute vom Arbeiten ab.
Vielleicht kam mir das schon von Anfang nur so vor; die Farmarbeiterinnen jedenfalls schätzten es sehr. Er behandelte sie sehr freundlich. Von meiner Mutter waren sie diese Aufmerksamkeit jedenfalls nicht gewohnt: Mutter teilte die Arbeiterinnen und uns andere zum Tagesbeginn ein, erklärte, wo sie selbst tagsüber zu finden wäre, falls es Fragen gäbe. Das war eine ganz klare Struktur.
Sobald Papa David mit Bisi und Jem abgereist war, wollte Felix das Haus auf den Kopf stellen. Mutter und Mama Bisi hatten sich das Zimmer neben jenem geteilt, in dem ich bis zu Efes Abreise gemeinsam mit ihr gewohnt hatten. Mutters Zimmer war früher wohl die Bibliothek des englischen Besitzers gewesen: Der Raum war groß und lag direkt neben dem Eingang, so dass Mutter immer wusste, was im Haus vor sich ging.
Um uns mitzuteilen, wie er die Zimmer neu verteilen wollte, rief Felix alle Frauen in der Eingangshalle zusammen. Er begann mit Mutter. „Lisa wird mit Ada, Ngozi und Funke ein Zimmer bewohnen.“ Die drei Mamas hatten sich bislang das frühere Schlafzimmer des englischen Hausherrn, das im ersten Stock lag, geteilt.
„Sobald mein Mann mich abgeholt hat, wird dir mein Zimmer zur Verfügung stehen“, entgegnete Mutter freundlich, aber bestimmt.
„Du widersprichst mir?“, fragte Felix sehr leise.
„Ich schlage vor, dass du dich zunächst in Ruhe umsiehst, welches der beste Platz für dich ist. In ein paar Monaten wirst du die Farm und dies Haus führen, wie du es für angemessen hälst“, sagte Mutter ruhig.
Felix sprang aus dem Stuhl, in dem er gesessen hatte, auf: „Du bist keine Afrikanerin. Aus dir spricht das Gehabe der Weißen, die Schwarze für ihre Diener halten!“
„Ist es eine Frage der Hautfarbe, dass man jene Frau respektiert, die diese Farm zu dem gemacht hat, was sie ist?“, fragte Mama Ada. „Noch bist du Gast in diesem Haus. Keine von uns kann es hinnehmen, dass du unsere Mitfrau Lisa beleidigst.“
Felix schickte einen wütenden Blick in die Runde. „Da drüben im Flachbau werden die Farmhelferinnen wohnen.“
„Ist es eine gute Idee, sie im gleichen Haus wohnen zu lassen wie Okereke und Jo?“, fragte Mutter.
„Du scheinst keine meiner Ideen gut zu finden!“, blaffte Felix.
„Ich hatte nicht die Absicht deine Autorität zu untergraben. Angelegenheiten, die die Leitung der Farm betreffen, habe ich nie besprochen, wenn alle versammelt sind. Du aber wolltest es so“, meinte Mutter.
„Nun gut, dann werden wir warten, bis du mit deinen Frauen abgereist bist. Du bist ja offensichtlich nicht in der Lage, mit mir zusammen zu arbeiten“, zischte Felix.
„Kennst du die Geschichte von dem Kamel, das den Elefanten trifft?“, fragte Ada.
„Ja, die kenne ich“, knurrte der künftige Hausherr, drehte sich um und stampfte wütend aus dem Haus.
„Er kennt sie nicht“, sagte Ada. „Denn er benimmt sich wie ein Elefant.“ Alle Frauen lachten. Auch die von Felix.
„Wie geht die Geschichte von Kamel und Elefant?“, fragte ich Ada, als wir abends auf der Terrasse saßen.
„Kamel und Elefant betraten einen dichten Wald,“ erzählte Mama Ada, „das Kamel kostete von den harten Blättern, denn es lebte in der Wüste und freute sich an dem vielen Grün. Der Elefant aber riss die jungen Bäume aus, die ihm im Weg standen und bahnte sich eine breite Schneise. Warum tust du das?, fragte das Kamel. Ein Elefant braucht Platz, antwortete der Elefant. Sie durchquerten den Wald und kamen in eine weite Wüste. Der Elefant klagte über Hunger, während das Kamel genügsam sein Essen wiederkäute. Schließlich brach der Elefant entkräftet zusammen. Da sagte das Kamel: Wozu ist all deine Kraft nutze, wenn du sie doch nur brauchst, um alles zu zerstören, um am Ende in der Wüste zu verhungern? Der Elefant konnte dem Kamel nicht mehr antworten. Er war gestorben.“
Meine Mutter war hinter uns beide getreten. „Nun, Choga Regina, glaubst du, dass Papa Felix diese Geschichte verstehen würde?“
Ich schüttelte den Kopf, denn mir machte die Fabel schwer zu schaffen. „Ich glaube nicht,“ meinte Mama Ada, „Elefanten walzen nun mal alles nieder, was in ihnen in die Quere kommt, während das Kamel für schlechte Zeiten vorsorgt.“
„Und du hälst uns beide für Kamele?“ Mutter amüsierte sich.
„Es sind gute Arbeitstiere“, sagte Mama Ada und streckte die Arme unter ihr Tuch, so dass sie am Rücken einen Höcker bildeten.
Mutter schlang die Arme ineinander, um einen Rüssel nachzumachen. „Ich kann`s nicht“, prustete sie kichernd. „Wisst ihr, dass es in Deutschland ein Sprichwort gibt, demzufolge Elefanten alles Porzellan zertrampeln?“
„In Deutschland gibt es auch Elefanten?“, fragte Mama Ada interessiert.
„Aber nur welche mit zwei Beinen!“, lachte Mutter.
„Solche wie Papa Felix!“, rief ich fröhlich.
König Clown
Von den Freundinnen meiner Kindheit war praktisch niemand mehr im Harem. Vater hatte sie bei anderen Familien untergebracht, sie verheiratet. Dadurch stärkte er die Bande zwischen den über das ganze Land verstreuten Familien. Wenn eine meiner Schwestern von ihm in unserem Gemeinschaftshaus getraut wurde, betonte er stets den Zusammenhalt aller, den großen gemeinsamen Gedanken, nach dem wir alle lebten. Und dem wir uns zu fügen hatten. Verstohlen sah ich bei diesen Feiern zu den angereisten Gästen, warf vorsichtig unter meinem Schleier hervor Blicke zu den jungen Männern. Ob einer von ihnen jener sein würde, mit dem ich in wohl nicht mehr allzu ferner Zukunft vor Vater stehen würde, um aus seinem Mund den Segensspruch für mein Leben an der Seite des Fremden zu hören? Immer wieder ertappte ich mich dabei, dass ich die jungen Männer mit Jo verglich, der mich mit so viel Respekt und Verständnis behandelt hatte.
Jem, die Ungehorsame, wurde nicht in Lagos verheiratet. Als ich im Harem eintraf, hatte Vater sie bereits nach Warri gebracht, einer Industriestadt im Süden Nigerias. Nur Mama Bisi hatte bei der Hochzeit dabei sein dürfen.
„Jem ist ein Dickkopf“, sagte Mama Bisi, „aber ich hätte ihr wirklich mehr Glück gegönnt, als ausgerechnet einem solchen Mann zur Frau gegeben zu werden. Und wie nutzlos ihre Flucht damals gewesen ist! Ihr jetziger Mann ist nicht jünger als Papa Sunday. Ich glaube, euer Vater wollte ihren Hochmut strafen, damit es allen anderen eine Lehre ist. Und wo sie wohnt! Nicht so schön, wie sie es bei Papa Sunday gehabt hätte. Warri ist eine hässliche Industriestadt und Jems Haus ist sehr ärmlich.“ Als dritte Frau ihres Mannes gebar sie ihm 19jährig ein Kind.
Eines Tages traf ich Mama Bisi im Garten des Harems. Sie schnitt gerade die wilden Triebe eines jungen Limonenbaums zurück. Normalerweise sprach sie dabei mit den Pflanzen, erzählte ihnen, dass es jetzt zwar etwas weh täte, der Baum danach aber um so kräftiger wüchse. Manchmal sang sie auch ein Lied. Diesmal verrichtete sie ihre Arbeit stumm. Eine Weile sah ich ihr zu, doch sie beachtete mich nicht.
„Geht es dir nicht gut, Mama Bisi? Bist du krank?“, fragte ich schließlich. Sie machte weiter, als hätte sie meine Frage nicht gehört.
Als sie sich zu mir umdrehte, musterte sie mich, als sähe sie mich an diesem Tag zum ersten Mal. „Ich weiß, meine Kleine, dass du nicht glücklich bist. Aber sieh diesen jungen Baum an. Es steckt voller Kraft. Trotzdem muss ich ihm junge Zweige abschneiden. Er versteht nicht, dass ich es gut mit ihm meine. Ich weiß das und tue es trotzdem. Auch wenn wir Beine, Hände und Kopf haben, so sind wir doch wie der kleine Limonenbaum. Immerzu wird uns etwas abgeschnitten. Wir werden größer, die Wunden heilen und an anderer Stelle wachsen wir weiter. Es schmerzt, manchmal das ganze Leben lang. Der Baum kann sich nicht wehren. Er nimmt sein Schicksal an, ohne dass wir ihn vor Schmerz schreien hören.“
Meine Liebslingsmama drehte sich zu ihrem Zögling um, fuhr mit ihren Fingerspitzen über seine zarte Rinde und begann ein Lied zu singen. Ein Kinderlied, das ich sie öfter hatte singen hören; ich mochte es, ich war mit ihm aufgewachsen.
„Ein König hatte einen Clown; er war stolz auf seinen Clown. Doch war er mal wütend, so nahm er seine Krone und warf damit nach dem Clown. Der Clown aber nahm die Krone und sprach: Ja, ich bin ein Clown, aber ich habe eine Krone, drum nenn` ich mich König Clown. König Clown tanzte und lachte; der König ohne Krone sich nichts dabei dachte. Ein König hatte einen Clown; er war stolz auf seinen Clown.“
Als ich ein kleines Kind gewesen war, hatte Mama Bisi das Liedchen mit ein paar witzigen Bewegungen ihrer runden Hüften begleitet. Das hatte früher komisch ausgesehen und mich zum Lachen gebracht; doch diesmal klang das Lied traurig.
Jetzt drehte sie sich zu mir um. In ihren Augen standen Tränen. Meine Lieblingsmama, zu der ich als Kind immer aufgeblickt hatte, wirkte plötzlich ganz klein. Ich überragte sie schon um einen Kopf.
„Möge Gott dich schützen, meine Kleine,“ sagte sie eindringlich und nahm mich in ihre weichen Arme, „was auch immer dein Vater von dir verlangt, widersetze dich ihm nicht. Er weiß, was für dich richtig ist. Versprich mir das, denn ich könnte es nicht ertragen, noch eine Tochter zu verlieren.“
Ullstein-Taschenbuch Nr. 36304, € 8,99
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