Choga Regina Egbeme


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Hinter dem Schleier der Tränen

Liebe Freunde von Choga Regina Egbeme!

Die folgenden Leseproben sind aus Chogas Buch

"Hinter dem Schleier der Tränen - Mein Abschied vom Harem der Frauen"


entnommen. Die vorgestellten Auszüge, die keine ganzen Kapitel darstellen, sollen Ihnen einen ersten Eindruck vermitteln. sind nur für Sie persönlich und nicht zur Weitergabe an andere Personen bestimmt. Beachten Sie bitte das entsprechende Copyright des Ullstein-Verlags.

Im Regenwald

... In dieser Nacht war es so still, dass ich das gleichmäßige Atemgeräusch aus den gewiss 50 Meter entfernten Lehmhütten zu hören glaubte. Ich genoss den Anblick der Funken, die in die Schwärze der Nacht aufstiegen und legte mir Mutters rote Decke um die Schultern. Ich dachte über die schwierige Situation auf der Farm nach und gestand mir ein, dass ich Angst hatte. Zum ersten Mal fragte ich mich: Hatte ich mir zu viel zugemutet? Ezira machte sich mit einem leisen Räuspern bemerkbar. "Bei manchen Reisen geht nur der Körper fort und der Geist bleibt zurück in der Heimat." Mir war wohl unschwer anzumerken, was mich beschäftigte. In ihrer Stimme lag eine eigentümliche Mischung aus Besorgtheit und leichtem Vorwurf: "Wenn ich dich anblicke, sehe ich keine 25-Jährige. Sondern eine Frau, die viel Kummer hat. Schmerz, der sie vergessen lässt, wie schön das Leben ist. Dass es aus Lachen und Scherzen besteht."
Ich konnte nichts dagegen unternehmen, dass ich weinen musste. Die Tränen kamen ohne Umweg direkt aus einem Platz in meinem tiefsten Inneren. Ezira legte ihre Hände auf meinen Rücken. Ihre Kraft ließ mein Schluchzen verebben, der Husten hörte auf. "Ich möchte dir so viel erzählen und weiß gar nicht, wo ich beginnen soll", sagte ich. Doch meine Lehrerin meinte, das könne warten. Sie wisse schon einiges von Amara. Nach dem Angriff auf unsere Farm hatten Magdalena und ich Amara in Lagos angerufen und sie um Hilfe gebeten. Ich erfuhr erst später, dass meine Mentorin nicht sogleich nach Jeba gefahren, sondern den Umweg über Ezira gemacht hatte. Die beiden waren gemeinsam mit Buchi zu dem Schluss gekommen, dass ich in den Urwald kommen sollte, um mich auszukurieren. Obwohl Ezira so abgeschieden lebte, war sie dennoch eingebunden. So wusste sie auch von dem überfall auf unsere Farm.
"Das Mädchen, das du mitgebracht hast, gefällt mir. Sie ist ein guter Mensch. Ihr Glaube bedeutet ihr wohl sehr viel und du bist keine Muslimin. Dennoch hat das Schicksal euch zusammen geführt. Aber ihr werdet es nicht leicht miteinander haben."
"Ich muss dir etwas gestehen, Ezira", sagte ich. "Tanisha soll nicht nur Heilerin werden. Ich möchte, dass sie meine Nachfolgerin wird."
"Deine Nachfolgerin?" Die alte Lehrerin war verwundert.
"Ich merke, dass ich nicht mehr die Kraft habe, meinen Gefährtinnen eine Hilfe zu sein." Ezira schüttelte traurig den Kopf. "Kein Wunder, dass du so bedrückt bist. In deinem Alter sollte man nicht mit der Frage leben müssen, wann man sterben muss." Sie rieb meinen Rücken, wie sie es früher getan hatte, wenn ich mutlos war.
"Eigentlich lebe ich mit diesem Gedanken seit Joshs Geburt!" Ich zog die Tränen durch die Nase hoch wie ein Kind. Niemandem sonst, erst recht nicht Bisi, die solche Angst um mich hatte, hatte ich das gestehen können. "Das ist die Wahrheit, die ich all die Jahre verdrängt habe", gestand ich. "Tanisha ist meine ganze Hoffnung. Jemand muss sich doch um meine Gefährtinnen kümmern, wenn ich es nicht mehr kann."
Ezira legte den Arm vertraut um mich. "Deine Absichten sind gut." Sie seufzte. "Aber das Richtige kann sich schnell in sein Gegenteil verkehren. Mit Tanisha hast du dir eine große Aufgabe aufgeladen. Ist der jungen Frau wirklich klar, was sie erwartet?"
"Nein, wohl nicht", gab ich zu.
"Und dir selbst? Ahnst du, wie schwer es für sie sein wird, sich einzufügen?" Wieder verneinte ich. "Das Schicksal hat euch zusammen geführt und wird euch leiten", sagte sie und ermahnte mich: "Versuch deine Sorgen loszulassen. Denn sie sind es, die dich zu sehr belasten." Ezira begleitete mich zu meiner Hütte. "Ich bin immer für dich da. Jederzeit." Sie küsste meine Stirn. ...

Die Wahrheit

...Tanisha, die kleine Faraa auf dem Rücken, und ich bereiteten Fische zu, die morgens im Fluss gefangen worden waren. Wir nahmen sie auf den Steinen vor dem Kochhaus aus und schnitten sie für eine Suppe in kleine Stücke. Dabei war ich unachtsam, das Messer glitt in meine Fingerspitze. Kein großer Schnitt, aber es blutete erheblich. Wäre ich zuhause gewesen, hätte ich mir ein großes Pflaster darüber geklebt und anschließend sicherheitshalber die von Magdalena aus Deutschland mitgebrachten Gummihandschuhe übergestreift. Im Urwald gab es weder das eine noch das andere. Sondern nur eine aus einem Rindenextrakt und Blütenblättern gekochte Salbe, eine dunkle Masse, die ich unverzüglich zur Blutstillung auftrug.
Viel Fisch war nicht mehr zu schneiden und vorsichtshalber überließ ich es Tanisha dies zu tun. Ich entzündete in der Zwischenzeit das offene Feuer unter dem großen Kochtopf. Faraa wurde quengelig; sie hatte Hunger.
Als die ersten Fischstücke in der Suppe schwammen, der noch alle scharfen Zutaten fehlten, hatte Tanisha eine Idee. "Ob der Fisch weich genug ist, dass wir Faraa winzige Stückchen geben könnten?", fragte sie und bat: "Kostest du mal?"
"Du kennst deine Tochter besser. Mach du das lieber", sagte ich ausweichend. Denn als Aids-Kranke wollte ich aus Vorsicht den Bissen nicht erst in den Mund nehmen, um dann das Kind damit zu füttern.
Faraa schmeckte der Fisch sehr gut, immer wieder öffnete sie den Mund. Während Tanisha ihr Töchterchen fütterte, stellte ich die Gewürze zusammen, die nur für kurze Zeit mitkochen durften, damit sie ihre Wirkung nicht verloren.
Ich war jedoch nicht bei der Sache und blickte immer wieder zu der jungen Mutter mit ihrem Kind. Ihre Bitte zu kosten, hatte mir schlagartig bewusst gemacht, wie sehr ich jeden Fehler im Umgang mit anderen Menschen vermeiden musste. Unkonzentriert zerschnitt ich Pfefferschoten. Wieder war ich unachtsam und schnitt mich erneut. Zwar blutete es kaum, brannte aber wie Feuer!
"Lass uns tauschen. Du fütterst Faraa und ich schneide", schlug Tanisha vor.Während ich die Kleine auf dem Schoß hielt, verschluckte sie sich und hustete. Ich legte sie auf den Bauch und klopfte auf ihren Rücken, erkannte aber schnell, dass Faraa etwas im Hals steckte. Ich geriet in Panik und drehte völlig durch. Der Brocken musste aus dem Mündchen geholt werden. Was ich mit meiner Verletzung nicht riskieren durfte. Ich hätte meine Infektion möglicherweise übertragen!
"Ich darf's nicht!", rief ich. "Komm her und hilf!" Ein winziger, unbedachter Augenblick durfte nicht die Gesundheit des hilflosen Babys in Gefahr bringen. Tanisha blickte mich nur verwundert an, fasste dann aber beherzt zu und rettete das Baby vor dem Ersticken. Ich stand daneben wie erstarrt. Was mochte meine Schülerin jetzt von mir denken? Durchschaute sie bereits, dass ich ihr verschwiegen hatte, Aids zu haben? In diesen wenigen Sekunden lief vor meinen Augen alles ab, was ich über das Heilen gelernt hatte. Und es zeigte mir, dass ich eine Heilerin war, der durch Aids die Hände gebunden waren. Ich, die immer helfen wollte, konnte es nicht. Ausgerechnet am Missgeschick eines Babys wurde mir das vor Augen geführt. In all den Jahren zuvor hatte es solch eine Situation nie gegeben, weil immer jemand da gewesen war, der mir beigestanden hatte. Tanisha stillte ihre Tochter, die nach wenigen Minuten selig schmatzend einschlummerte. Eine Weile betrachtete ich dies friedliche Bild. Als HIV-positive Mutter hatte ich Josh nie stillen dürfen.
Ich ertrug den friedlichen Anblick nur schwer, der mir auf so schmerzhafte Weise vor Augen führte, dass mein Zustand eine Gefahr für andere darstellte. Solange das Virus sich nicht bemerkbar gemacht hatte, hatte ich mir vormachen können, dass alles ganz normal wäre -- wenn ich vorsichtig war. Doch jetzt hatte sich die Infektion in eine Bedrohung meines Lebens verwandelt und stellte meine bisherige Haltung grundsätzlich infrage: Durfte ich überhaupt noch Heilerin sein? Der Boden auf dem ich stand, schien zu schwanken ...
Ausgerechnet zu Tanisha, die meine Nachfolgerin werden sollte, war ich nicht ehrlich gewesen. Sie wusste nicht, dass ich Aids hatte. Ich schämte mich meiner Feigheit. ...
Tanisha legte ihre satte Tochter schlafen; sie kam zur Kochstelle zurück und sah mich besorgt an. "Was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?""Ich muss dir etwas gestehen, Tanisha", sagte ich und mied ihren Blick. "Ich habe Aids. Ich hätte es dir viel eher sagen müssen."Tanisha blickte mich verständnislos an. "Was heißt das: Du hast Aids?"Ich erschrak entsetzlich. Das Geständnis, zu dem ich mich durchgerungen hatte, war im Grunde überflüssig. Ich gestand etwas, das sie niemals erfahren hätte! Wie gerade zuvor hätte sie sich allenfalls gewundert. Gleich vielen Menschen in meinem Land wusste auch Tanisha nicht, was Aids ist. Es war ein sehr oft totgeschwiegenes Geheimnis. Angehörige starben; aber sie waren in der Wahrnehmung der Hinterbliebenen keine Aids-Opfer, sondern Malaria oder Lungenentzündung hatten sie dahingerafft.
Ich erklärte ihr, was ich habe und sie fragte: "Seit wann bist du krank?""Seit Joshs Geburt weiß ich, dass ich infiziert bin. Die ärzte testeten mein Blut. Als ich es erfuhr, hörte ich so wie jetzt du zum ersten Mal, dass es so was überhaupt gibt.""Aber da warst du noch keine Heilerin?", fragte Tanisha."Nein. Ich habe damit erst begonnen, nachdem es Josh schlecht ging. Da war er ein Jahr alt. Mit Amaras Naturmedizin schafften wir es, Josh wieder gesund zu machen.""Dann hat Josh es auch?"
Mit einem Kopfnicken gab ich das Schicksal meines Sohnes preis.Tanishas Stimme glich einem Flüstern: "Kann man an Aids sterben?" Meine inneren Stimmen schrieen, dass ich jetzt lügen sollte. Doch ich hatte den ersten Schritt getan und nun musste ich den zweiten machen. Ich gestand die ganze Wahrheit: "Das kommt drauf an, wie stark oder wie schwach der Körper ist."
"Und dir geht es gar nicht gut", erwiderte Tanisha kaum hörbar. "Warum muss das so sein?" Natürlich erwartete sie darauf keine Antwort. Wer hätte sie geben sollen? Oder dürfen?"Du weißt, dass du ...", begann sie und wagte es nicht zu Ende zu sprechen. "Ich werde früh sterben, ja." Ich wollte ihr keine Stärke vorspielen. Weil ich es nicht mehr konnte. Vielleicht wäre es mir auf der Farm noch einige Monate lang gelungen, um meine Schwestern nicht zu entmutigen. Möglicherweise hätte ich auch Tanisha noch länger im Unklaren lassen können. Doch in diesem Moment fühlte ich mich dazu nicht mehr in der Lage.
"Du hast bestimmt große Angst vor dem Tod!", sagte sie."Ich versuche keine zu haben. Denn ich bin überzeugt, dass ich wiedergeboren werde. Aber dieser Gedanke tröstet nur ein bisschen", räumte ich ein. Denn ich hing an meinem Leben und war noch lange nicht bereit es loszulassen. "Ich liebe meinen Sohn über alles", brach es aus mir hervor. "Ich möchte erleben, wie er groß wird. Aber ich weiß nicht, was schlimmer wäre: Wenn er ohne mich zurück bliebe oder ich ohne ihn." ...
"Weiß Josh eigentlich, wie es um ihn steht?", fragte Tanisha in das mich belastende Schweigen hinein. "Nein", meinte ich entschieden. "Das darf er nicht wissen."...
"Die Wahrheit zu verschweigen, heißt lügen", erwiderte sie so leise, dass ich es kaum verstand. Und als ich die Tragweite dieses Satzes halbwegs begriff, stürzten schon die Mädchen in den compound, um sich hungrig auf die Fischsuppe zu stürzen. Wir begannen, das Essen zu verteilen, als Faraa sich mit kräftiger Stimme zu Wort meldete. Josh stand direkt neben dem Baby, hob es hoch, sprach beruhigend auf die Kleine ein und wiegte sie. Er hatte Faraa schon etliche Male auf dem Arm gehabt. Offensichtlich stellte er sich sehr geschickt an, denn das Kind beruhigte sich rasch. Es hatte wohl nur aufstoßen müssen. Plötzlich ließ Tanisha alles stehen und liegen. Mit schnellen Schritten eilte sie zu Josh und nahm ihm Faraa ohne ein Wort der Erklärung weg. Dann rannte sie zu ihrer Hütte und verschwand darin. Faraa schrie laut. Joshs verunsicherter Blick traf meinen.

Lapes Befreiung

...Bisi eilte zielstrebig auf ein älteres Gebäude zu. "Sie liegt dahinten in dem Zimmer", sagte sie. Wir öffneten die Tür zu einem Raum mit sechs Betten. Mein Vorbehalt schwand ein wenig, denn alles wirkte gepflegt. Bisi und Amara blickten in die Betten und tauschten verwunderte Blicke. "Nanu, wo ist sie denn? Haben wir das falsche Zimmer erwischt?", fragte Bisi verunsichert. Doch auch im nächsten entdeckten wir meine Schwester nicht. Wir fragten Personal, das keine Zeit hatte und wurden in einen anderen Trakt geschickt. Dort irrten wir durch verstopfte, kaum beleuchtete Gänge, blickten in überfüllte, muffig riechende Krankenzimmer. Endlich fanden wir Lape auf einer Liege in einem engen Gang. Wir wären fast an ihr vorbei gelaufen.
Meine Schwester dämmerte apathisch vor sich hin. Ich erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Das schöne lange Haar war ihr abrasiert worden, dunkle Stellen verunstalteten ihren Kopf, ihre Augen lagen eingefallen in den Höhlen, ihre Haut war grau, die Knochen traten spitz hervor. Wo ich Apparate erwartet hatte, die ihr Leiden erleichtern könnten, gab es nichts. Nur ein graues Tuch, das sie kaum noch bedeckte."Wie ist das möglich?", sagte Bisi entsetzt. "Wieso ist sie hier? Kümmert sich denn niemand um sie?"
Amara und mir fehlten die Worte. Wir blickten uns nach Personal um, das uns diese Gemeinheit erklären konnte. Wohin ich auch sah, entdeckte ich nur Menschen, die in einem ähnlich erschreckenden Zustand waren wie Lape. ... Der Gedanke meine eigenen letzten Tage an einem solch trostlosen Ort verbringen zu müssen, machte mich weniger wütend als vielmehr unendlich traurig. Zählte denn das Leben eines Aids-Kranken gar nichts? Ich wünschte mir, dass dann jemand da wäre, der mich vor solch einem Ende bewahrte.
"Wir können sie doch nicht einfach hier so liegen lassen", flüsterte ich niedergeschlagen. "Lasst sie uns nach Hause bringen.""Und zwar sofort. Das ist ja nicht zu verantworten", pflichtete mir Amara beherzt bei."Natürlich. Alles andere wäre unmenschlich", sagte Bisi.
Lape selbst schlief immer noch fest. Ich beugte mich zu ihr herunter und sprach sie mit ihrem Namen an. Endlich schlug sie die Augen auf, aus denen der Glanz gewichen war. Obwohl sie so geschwächt war, trat ein leichtes Lächeln in ihr Gesicht. Als sie die rissigen, ausgetrockneten Lippen bewegte, konnte ich sie kaum verstehen. Sie schien mich nicht sofort zu erkennen.
" Ich bin's. Choga ", sagte ich."Choga? Wo warst du denn?" Sie war immer noch nicht ganz in ihre Wirklichkeit zurückgekehrt. Die Kranke versuchte die Hand zu heben, um nach mir zu greifen, aber selbst dazu fehlte ihr die Kraft. Ich nahm die Todgeweihte in die Arme und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.
Ohne weiter nachzudenken versprach ich: "Wir nehmen dich jetzt mit, Lape. Mach dir keine Sorgen mehr. Alles wird gut."Lape war zu schwach, um sich noch freuen zu können. Oder um diese erlösende Botschaft überhaupt zu verarbeiten. Ihre Augen fielen bereits wieder zu. ...

Die Hand an unserer Kehle

...Magdalena war von ihrem Besuch bei Rose in Jeba zurück. Wenig später klopfte es; nur meine deutsche Umgangsformen liebende Schwester tat das. Alle anderen platzten nach afrikanischer Sitte ins Zimmer, wenn ihnen etwas auf dem Herzen brannte."Komm, rein Magdalena!", rief ich.Ich entzündete eine Kerze, die so schwaches Licht spendete, dass es mir nicht in den Augen schmerzte. Meine Schwester setzte sich auf mein Bett. Sie fuhr sich nervös durch das Haar. "Ich wusste nicht, dass du schon schläfst", entschuldigte sie sich. "Ich bin so aufgewühlt, dass ich mit dir einfach sprechen musste", sagte sie. "Wir haben wirklich ein Problem mit Rose!"
"Bisi erzählte mir, dass du versuchen wolltest ihr unser Vorgehen mit Lape in Ruhe zu erklären", erwiderte ich. "Sie war einigermaßen zuversichtlich, dass Rose auf dich hören würde."Meine Schwester ballte die Fäuste."Choga, ich sitze in einer ziemlichen Zwickmühle!" Ihre innere Unruhe ließ sie nun im Zimmer auf und ab gehen. "Du hast mir vorhin erklärt, warum ihr Lape geholt habt. Ich verstehe, dass du nicht anders handeln konntest. Nur - Rose konnte ich das nicht so sagen.""Wie hast du es denn gesagt?", fragte ich."Dass sie nicht im Krankenhaus bleiben konnte, weil sie dort nicht richtig versorgt wurde. Und dass du jetzt wieder hier bist, um dich um Lape zu kümmern. Von Lape ginge aber keine Ansteckungsgefahr aus, weil sie die Heilstation ohnehin nicht mehr verlässt." Magdalena lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tür. "Was hätte ich sonst sagen sollen? Ich fand, das wäre eine vernünftige Argumentation.""Aber Rose hat das nicht gereicht?"
"Nein, leider nicht. Ich glaube, bei ihr kommen zwei verschiedene Dinge zusammen. Zum einen die Angst vor Ansteckung." Sie hob abwehrend die Hände. "Ich weiß, was du sagen willst: Das ist völliger Unsinn. Aber jemandem wie Rose kannst du nicht mit Vernunft kommen. Was glaubst du, Choga, was gesunde Menschen über diese Farm denken mögen, auf der immerzu junge Leute sterben?" fragte Magdalena. "Die Menschen haben Angst vor dem Tod. Sie wissen, dass sie ihm nicht entkommen können. Also meiden sie alle, die sie mit dem Tod in Verbindung bringen. Jetzt ist Lape aber hier. Und sie wird sterben. So furchtbar das auch ist, so wahr ist dennoch.""Und zum anderen?", fragte ich gefasst.
Magdalena suchte meine Nähe und setzte sich auf mein Bett. "Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen, Schwesterchen: Aber Rose hasst dich. Sie glaubt, dass du ihre Kinder verhexen willst.""Was?" Ich musste lachen. Das war ja nur noch albern! "Ich habe ihre Kinder niemals angerührt! Nicht mal angesehen. Es sind deine Schülerinnen. Was gehen sie mich an?""Ich weiß das doch!" Magdalena griff nach meiner Hand und hielt sie fest. ... "Ich kann nur wiederholen, was sie gesagt hat: Du hättest einen bösen Blick und willst das Schlimme, das dir geschehen ist, an andere weitergeben. Darum hättest du Lape geholt." Sie schüttelte traurig den Kopf. "Ach, sie hat noch eine Menge anderes Zeugs geredet, das ich dir lieber erspare."
Ich lehnte mich zurück und schloss meine brennenden Augen, um nachzudenken. Dass der Glaube an Hexerei und Schwarze Magie in meinem Land sehr lebendig war, wusste ich durchaus. Obwohl die Menschen in die Kirchen oder Moscheen gingen. In Bibel und Koran fanden sie wohl nicht die Antwort auf Aids. Die angeblich überzeugte Christin Rose hätte sie dort gewiss gefunden. Es war allerdings bequemer eine Hexe verantwortlich zu machen, als in der Bibel zu lesen. Ausgerechnet mich, die an meinem Elend die geringste Schuld traf, bedachte sie mit dieser Rolle! Das war unfair und ich hatte keine Chance mich zu wehren.
"Wie soll es weitergehen?", meinte ich niedergeschlagen. "Du wirst Rose doch etwas vorgeschlagen haben?"
Meine Schwester stand erneut auf; ihre innere Zerrissenheit war körperlich spürbar. "Ich möchte dir nicht wehtun. Das weißt du. Wir sind auf die Kooperative angewiesen, in der Roses Einfluss so groß ist. Wenn wir unsere Produkte nicht verkaufen können, wovon sollen wir leben? Eine Farm ohne Abnehmer hat ein richtiges Problem! Rose hat sozusagen die Hand an unserer Kehle. Ich habe ihr gesagt, dass du den Kindern nicht nahe kommst. So ist es ja auch. Du sagst ja selbst, dass du die Mädchen noch nicht mal angeschaut hast."
Es war hart zu hören, dass ich mich in gewisser Weise auf meiner eigenen Farm verstecken musste. Trotzdem regte ich mich nicht auf, sondern sagte ganz ruhig, was ich aus all dem folgerte: "Wenn Rose in mir eine böse Hexe sieht, die unschuldigen Kindern etwas zuleide tut, kann sie genauso gut in ein paar Tagen verlangen, dass ich völlig zu verschwinden habe." Es war einfach unglaublich, wie sich die Dinge entwickelt hatten: Ich schien auf meiner eigenen Farm zu stören! Es war nur gut, dass ich ohnehin nicht für immer bleiben wollte. Aber doch zumindest so lange, wie Lape noch lebte ...

Hinter dem Schleier der Tränen

..."Weißt du, was einer im Krankenhaus gesagt hat?" Lape sprach so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. Ich kam ihr ganz nah. "Aids ist gar nicht so schlimm. Aids geht vorbei. Das Blöde ist nur, dass man dann mitgehen muss ..." Lape sah mich ernst an. Ihr Mund war dicht an meinem Ohr: "Ich will nicht mehr. Mir reicht's." Sie kicherte wie ein Kind. "Ich geh ja doch mit!"
Das Sprechen kostete Lape viel Kraft. Schweiß stand auf ihrer Stirn, den ich abtupfte. "Irgendwann gehen wir alle," sagte ich, "aber ich finde es wichtig, wie man geht. Denk an die vielen Menschen im Krankenhaus. Wie sie lagst du dort in einem trostlosen Gang. Hier bist du umgeben von Menschen, die sich um dich kümmern."
"Ich weiß", erwiderte Lape mit kraftloser Stimme. "Aber ich habe solche Schmerzen. Jetzt, wo du mir den Tee gegeben hast, ist es besser. Aber sie werden wiederkommen. Nachts liege ich hier und weine." Ihr Blick flehte um Hilfe, die ich nicht leisten konnte. "Warum muss ich so leiden?"
"überleg doch mal," meinte ich, "welche Qualen ein kleiner Mensch auf sich nimmt, wenn er auf diese Welt will. Die ganze Zeit zuvor war da dieses rötliche Licht um ihn herum. Er wollte immer wissen: Woher kommt das? Das muss ich herausfinden. Also strengt er sich an und schiebt sich dem Licht entgegen. Es ist die Hoffnung, die ihn vorantreibt, trotz all der Schmerzen, die dabei entstehen. Wenn er diese unglaubliche Anstrengung nicht aushalten würde, könnte der kleine Mensch das Licht nicht erreichen.""Ohne Schmerzen kein Leben. Stimmt doch, oder?" Sie stöhnte. "Warum hat der liebe Gott sich das für uns Menschen ausgedacht?"

© 2004 by Ullstein Buchverlage




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