Choga Regina Egbeme


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Die verbotene Oase

Liebe Freunde von Choga Regina Egbeme!

Im Folgenden finden Sie einige Leseproben aus Chogas Buch

„Die verbotene Oase -- Meine Rückkehr in den Harem“.

Die hier vorgestellten Auszüge, die keine ganzen Kapitel darstellen, sollen Ihnen einen ersten Eindruck vermitteln. Sie sind nur für Sie persönlich und nicht zur Weitergabe an andere Personen bestimmt. Beachten Sie bitte das entsprechende Copyright.

Wir weisen in diesem Zusammenhang auf das hin, was Choga als Schlusswort ihres neuen Buchs schreibt:
„Ich erzähle meine Geschichte nicht, um Mitleid zu erregen oder Hilfe zu erheischen. Statt dessen habe ich eine große Bitte an Sie: Niemand kann die Welt allein retten. Es reicht, wenn wir nach der Hand unseres Nächsten greifen. Was für eine wunderbare Welt wäre das!“


Besuch zu Weihnachten

Die Eingangshalle unseres Farmhauses, das sich ein Engländer vor Jahrzehnten hatte erbauen lassen, war weihnachtlich geschmückt. Aus grünen Zweigen waren Girlanden gebastelt, auf den Tischen standen Kerzen. Für alle Kinder sollte es sogar selbst gefertigte Geschenke geben. Die Speisen unterschieden sich nicht besonders von der alltäglichen Kost. Mama Ngozi, nach Bisi die zweitälteste, hatte jedoch drei unserer liebevoll groß gepäppelten Hühner geschlachtet. Das Haus war voller Lachen und Fröhlichkeit. Unsere gelöste Weihnachtsstimmung zeigte, dass wir aus dem Gröbsten raus waren.
Wir genossen den Anblick der festlich gedeckten Tafel, als wir ein zaghaftes Klopfen an der Eingangstür hörten. Mama Bisi und ich wechselten einen überraschten Blick. Wir erwarteten keinen Besuch. Mein Sohn Josh sprang als erster auf und riss die Tür schwungvoll auf. Um diese Jahreszeit bläst der Harmattan den rötlichen Saharastaub über das Land. Mit dem Öffnen der Tür wehte eine feine Wolke herein. Im matten Licht der Nachmittagssonne zeichneten sich die Umrisse einer Gestalt ab. Sie trug ein Bündel auf dem Kopf und ein Kind auf dem Rücken. Ihre Kleidung bestand wie unsere aus einer schlichten weißen Bluse und Wickelrock.
„Wer bist du?“, fragte Josh mit der Unvoreingenommenheit eines Fünfjährigen, den die Einsamkeit der Frau, die an Weihnachten gekommen war, nicht beklommen machte.
Neben mir erhob sich Mama Bisi ganz langsam. „Efe?“, flüsterte sie. Meine kleine runde Ziehmutter eilte um die Tische herum, die Arme ausgestreckt. „Efe! Oh, Gott, mein Kind, wo kommst du denn her?!“, rief sie.
Durch unsere Reihen lief ein Raunen. Die wenigsten von uns kannten Efe. Als Zehn-Jährige war sie gemeinsam mit mir auf die Farm gezogen, hatte sie jedoch wenige Monate nach ihrem 15. Geburtstag verlassen, weil sie verheiratet wurde. In unseren gemeinsamen fünf Jahren war so viel geschehen, dass uns Entfernung und Zeit niemals wirklich trennen konnten.
Efe war heimgekehrt!
Mein Herz schlug bis zum Hals. Gebeugt und beladen wirkte sie wie jemand, den niemand mehr haben wollte. Sie tat mir unendlich Leid. Zuletzt hatte ich sie vor neun Jahren gesehen. Auf meiner eigenen Hochzeit in Lagos. Damals war sie so glücklich gewesen, hatte ihren Erstgeborenen dabei gehabt, einen süßen Anderthalb-Jährigen mit Puppengesicht. Der Sohn, den sie nun mitbrachte, war etwa vier Jahre alt. Wo aber war ihr Mann, Papa Sunday?
Es war nicht der Moment zu fragen, sondern zu helfen! Niemand ahnte, was diese beiden zu uns geführt hatte. Die weit über 60jährige Bisi schloss ihre jüngste Tochter weinend in die Arme. Efes Sohn sah sehr krank aus. Seinen traurigen Augen fehlte jeder Glanz. Stark unterernährt konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Efes schmaler Körper zitterte. Meine zwei Jahre ältere Halbschwester war am Ende ihrer Kräfte.
Dennoch fragte sie: „Sind wir willkommen?“
So etwas in diesem Augenblick zu fragen -- das konnte nur Efe! Sie nahm sich selbst stets weniger wichtig als alle anderen. Früher hatte sie sich ihrer zwei Jahre älteren Schwester Jem untergeordnet. Da Jem sich der Ehe mit dem 40 Jahre älteren Papa Sunday widersetzte, ordnete unser gemeinsamer Vater Papa David an, dass Efe ihn heiraten musste. Ich werde den Augenblick nie vergessen, als Efe es erfuhr -- sie spielte gerade im Hof mit Steinen ... Als halbes Kind folgte sie ihrem Mann nach Kaduna. Papa Sunday leitete eine der Familien, die Keimzellen der Kirche des Schwarzen Jesus, die mein Vater in den 1950er Jahren gegründet hatte.
Efe blickte sich scheu um. Unser Familienfest zählte jetzt nicht; wir alle hatten eine neue Aufgabe: einer Schutzlosen und ihrem kranken Kind ein Zuhause zu schaffen. Bisi und ich geleiteten die beiden in die alte Bibliothek, die mein Zimmer geworden war. Es kam nicht infrage, ihren Sohn im Salon einzuquartieren, unserem Kinderzimmer. Wir entrollten Matten am Boden, wo sie sich erschöpft ausstreckten. Früher hatte es hier einmal Betten gegeben. Sie waren in jenen Jahren abhanden gekommen, in denen die Farm unbewohnt gewesen war.
Mama Bisi deckte ihre Tochter und ihren Enkel liebevoll zu und gab ihnen frischen Tee und etwas zu essen. Der Junge trank durstig, wollte aber nichts essen. Wenigstens Efe nahm die angebotenen Speisen.
Mama Ada empfing uns vor der Tür. „Kommen die beiden etwa aus Ibadan?“, fragte meine Patenmutter entsetzt.
Soweit wir wussten, hatte Efe zuletzt im fernen Südwesten Nigerias gewohnt. Sollte sie mit ihrem kranken Jungen tatsächlich diesen weiten Weg zu uns zurückgelegt haben -- rund 1000 Kilometer? Was hatte sie zu einer solch strapaziösen Flucht veranlasst?
Ich konnte unsere Weihnachtsfeier, über die mein Sohn sich so freute, kaum genießen. Meine Gedanken waren bei Efe und ihrem Jungen, dessen Namen ich nicht kannte. Ich schlich mich später leise in mein Zimmer, wo die beiden schliefen. Vorsichtig ließ ich mich neben dem Jungen nieder. Meine Lehrerin Ezira hat mich während meiner Ausbildung zur Heilerin gelehrt, wie man einen Schlafenden untersucht, ohne ihn zu wecken: Jeden Menschen umgibt ein unsichtbares Energiefeld, in das man eintauchen kann. Bei Erwachsenen ist das schwerer als bei Kindern.
Als ich danach das Zimmer verließ, blickte ich in Mama Bisis besorgte Augen. Sie las in meinem Blick Kummer und Hilflosigkeit, denn sie kennt mich wie kein anderer Mensch. „Es steht nicht gut um den Kleinen, nicht wahr?“, fragte sie.
Ich schüttelte stumm den Kopf.
„Bitte, meine Kleine, sag mir, was los ist!“
„Auch, wenn es schrecklich ist?“ Sie nickte. „Wir können nur sein Leiden lindern, Mama Bisi. Mehr nicht.“ Wie es aussah, mussten wir glücklich sein, dass die beiden es überhaupt bis zu uns geschafft hatten.
Ich bat Bisi kühlende Wadenwickel vorzubereiten und besorgte einige Knopsen des Blutbaums. Das ist eine süße Medizin, die die Natur kostenlos für uns bereit hält. Man kann damit Fieber senken und Schmerzen lindern. Der Strauch wächst direkt neben unserem Brunnen.
Efes Sohn reagierte auf die Behandlung mit leisem Schluchzen. Ich stand vor einen kaum zu lösenden Konflikt: Josh war etwa gleichaltrig, wenngleich auch wesentlich kräftiger. Sollte ich mich über das klagende Weinen von Efes Sohn einfach hinwegsetzen? Obwohl ich spürte, dass ich ihm eigentlich nicht helfen konnte?
Erschöpft beobachtete Efe unsere Bemühungen. „Ich glaube, Gott holt Jo zu sich“, flüsterte sie.
„Er stirbt nicht, Schwester Efe. Es ist eine Krise, eine Prüfung vielleicht“, beruhigte ich sie.
Das Kind, um dessen Leben wir bangten, hieß also Jo. Nachdem ich das erfahren hatte, konnte ich mich kaum noch konzentrieren: Efe hatte ihren Sohn so genannt wie ihren verstorbenen Bruder! Mein Vater, Papa David, hatte 48 Ehefrauen. Wir waren einmal eine Schar von meines Wissens 76 Halbgeschwistern. Doch Jo war der einzige Bruder, den ich richtig kennen lernen konnte. Er hatte mir alles bedeutet.
„Es ist Weihnachten, Choga, geh zu Joshua. Er braucht dich jetzt auch.“ Die warme Stimme Mama Bisis zerriss die Nebel meiner Erinnerung. Zerstreut ging ich hinaus. In der Eingangshalle wurde gelacht und gesungen. Niemand ahnte, wie ernst es nebenan um den kleinen Jo stand. Sie sollten es auch nicht wissen.
Wir leben mit dem Tod; er wohnt in uns. Doch nichts ist schlimmer als die Erkenntnis, dass wir schwächer sind als er. Das ausgerechnet an diesem Festtag vor Augen geführt zu bekommen, ist mehr man ertragen kann. Ich liebe meinen Sohn und der Gedanke, ihn so früh verlieren zu können wie es anscheinend Jos Schicksal vorsah, ließ mich Weihnachten wie unter einer Glocke aus Angst und Schmerz verbringen.
Kleine Schritte
Es war kurz nach Ostern, dem ersten Todestag meiner Mutter, als ich wieder einmal frühmorgens in meinem Kräutergarten arbeitete. Was hier gedieh, war unter anderem Bestandteil des dreimal täglich verabreichten Tees zum Aufbau der Widerstandskraft.
Plötzlich hörte ich, wie mich eine Kinderstimme ansprach: „Was machst du da?“
Ein paar Schritte von mir entfernt stand ein kleines Mädchen. Da ich am Boden kniete, nahm ich zuerst ihre nackten Füße wahr, dann ihre Beinchen und schließlich ihren mageren Körper, den ein buntes T-Shirt und ein farbenfrohes Wickeltuch umhüllten. Ihr dunkles, zartes Gesicht wurde von einem Augenpaar beherrscht, das von einer solchen Intensität war, dass ich die Wärme einer verwandten Seele in meinem eigenen Herzen zu spüren glaubte.
Was hätte ich dem fremden, ungefähr sechs bis sieben Jahre alten Kind antworten sollen? Dass ich mit meinen Kräutern rede? Kinder sind in ihrem Urteil über Erwachsene großzügiger als ihre Eltern. Also gab ich genau das zurück.
Das Mädchen blickte mich nachdenklich an. „Warum sprichst du mit deinen Kräutern? Können sie dir antworten?“ Sie redete Haussa, die Sprache des Nordens von Nigeria, die ich als Kind von Mama Ada erlernt hatte.
Einen Moment lang dachte ich nach, was ich sagen sollte. „Ja,“ meinte ich schließlich, „irgendwie schon. Weißt du, ihre Antworten sind nicht so wie die von Menschen. Wenn Pflanzen unglücklich sind, werden Teile von ihnen gelb, sie lassen die Köpfe hängen. Also komme ich jeden Morgen hierher, um die Erde zu befühlen, die Festigkeit der Blätter zu überprüfen. Es ist wichtig, dass diese Kräuter immer gesund sind, weil sie uns Menschen heilen sollen.“
„Meine Mutter hat mich geschickt“, sagte das Mädchen. „Sie ist krank und die alte Heilerin aus Jeba hat schon viel Geld gekostet. Aber Mutter wird nicht wieder gesund.“ Die Kleine sprach flüssig, schien keineswegs scheu, sondern im Gegenteil sehr aufgeschlossen zu sein. Was in Anbetracht unseres ungewöhnlichen Kennen lernens ein gutes Zeichen war. Immerhin bot ich einen befremdlichen Anblick: Meine weiße Bluse und mein weißer Rock waren schmutzig. Ich suchte den Feldstock, auf den ich mich stützen muss, um leichter aufstehen zu können.
„Wie heißt du?“, fragte ich die Kleine.
„Fatima“, antwortete sie. „Soll ich dich zu meiner Mutter bringen?“
Unser eigenes Gehöft war 15 Gehminuten vom Kräutergarten entfernt, verdeckt durch ein paar Felsen. Obwohl dieser Ort angesichts meiner Gehprobleme recht abgelegen ist, hatte ich ihn gewählt, weil der Boden an dieser Stelle am feuchtesten ist. Eine kleine Wasserader verläuft nicht unweit der Oberfläche.
...
Fatimas Elternhaus befand sich am äußersten Rand von Jeba. Es war ziemlich groß und aus Zement gebaut, umgeben von einer hohen Steinmauer. Das zweite Stockwerk war noch nicht ganz fertig, aber ein in der Sonne glänzendes Blechdach verriet, dass die gesamte Konstruktion erst wenige Monate alt sein mochte. Ein Bagger, eine Planierraupe und ein Lastwagen standen unter Dächern auf dem Hof. Ein Schild an der Grundstücksmauer wies das Anwesen als den Sitz einer Baufirma aus: Said Musa, constructor.
Der Fußmarsch hatte mich sehr angestrengt. Ich setzte mich in den Schatten und bat um etwas Wasser.
„Ich sage Bescheid, dass du da bist“, sagte meine Führerin.
Während ich verschnaufte, zog ein leises Winseln meine Aufmerksamkeit auf sich. Es kam aus Richtung der Baufahrzeuge. Zunächst schenkte ich ihm keine Beachtung, damit beschäftigt, meine von der Wanderung schmerzende Hüfte zu massieren. Schwerfällig erhob ich mich schließlich und ging dem Mitleid erweckenden Jammern entgegen. Ich war noch ein paar Schritte vom Bagger entfernt, als ein großer Hund mit unglaublicher Schnelligkeit dahinter hervor kam. Eine kurze Eisenkette bremste das Tier derart abrupt ab, dass es auf dem sandigen Untergrund wegrutschte.
Mit Hunden kenne ich mich ein wenig aus, da ich mit einem aufgewachsen bin, meinem Corn. Der Kettenhund, der mich anknurrte, war ein etwa 60 Zentimeter großer, magerer Mischling mit langem, gelb-schwarzen Fell. Er legte die Ohren an und fletschte die Zähne. Mit dem war nicht zu spaßen, der meinte es ernst! Aber warum hatte er gewimmert? Ich tippte auf eine Verletzung, konnte jedoch aus meiner Position heraus nichts erkennen. Ich redete begütigend auf den Gefangenen ein, doch seine wohl aus Angst geborene Aggression legte sich nicht.
Nun meldete sich das Wimmern wieder. Es kam unter dem Bagger hervor. Fraglos stammte es nicht von dem Hofhund. Langsam schob ich mich an den Bagger heran, immer noch mild auf den Angeketteten einredend, der nun ein wütendes Gebell anstimmte, auf die Hinterpfoten aufgerichtet, verzweifelt an seiner Kette zerrend. Nun erst sah ich es: Es war ein Weibchen, ihre Zitzen waren dick mit Milch. Endlich hatte ich verstanden! Die Hündin verteidigte ihre Jungen, die unter dem Bagger lagen. Wieso musste dies Tier seine Babys an der Kette aufziehen? Kein Wunder, dass sie voller Wut war.
Hier konnte mein Mitleid nur stören. Es half nichts, sondern verschlimmerte das schwere Schicksal des Muttertiers unnötig.
...
Fatima brachte das Wasser; ich trank es hastig aus. Erst danach fiel mir wieder die Hündin ein. Ich fragte die Kleine, ob die Hündin und ihre Jungen etwas zum Trinken haben. Fatima blickte mich voller Unverständnis an. „Jemand wird nach ihnen sehen.“
„Bring mir noch ein Wasser“, bat ich. Fatima lief in ihr Elternhaus. Unweit des Eingangs entdeckte ich eine flache Plastikschale. Als Fatima zurückkam, goss ich das Wasser hinein und trug es zur Hündin. Mit der Spitze meines Stocks schob ich das Gefäß in die Reichweite des Tieres, ungläubig beobachtet von meiner Führerin. Die Hündin schlabberte das Wasser begierig auf, stubste die Schale um und schnüffelte am Boden. Die Aggression war von ihr gefallen.
Fatima führte mich schweigend ins Haus. Ihre Mutter lag in einem der hinteren Räume. Ich nahm sie erst auf den zweiten Blick wahr: Das Zimmer war abgedunkelt, die höchstens 30jährige Frau Musa trug schwarze Tücher. Sie sprach ebenso wie ihre Tochter Haussa. Ohne viele Erklärungen war rasch klar, dass sie ziemliche Schmerzen haben musste. Die unbekleideten Hautpartien an Händen, Ellenbeugen und Füßen waren wund gekratzt, einige Stellen dick verschorft.
„Was hat die Dorfheilerin Ihnen gegeben?“, erkundigte ich mich.
„Sie befragte ihr Orakel. Dann sagte sie mir, mein Mann hätte erst die Erdgeister milde stimmen müssen, bevor er das Haus hier baute“, erklärte sie. „Weil er das nicht tat, rächen die Geister sich an mir. Darum wurde ich krank. Mein Mann hat schon viel Geld bezahlt, damit die Heilerin die Geister mild stimmt. Aber es hat nicht geholfen.“
Ich untersuchte eingehend die Wunden, für die eine Ursache garantiert nicht infrage kam: die Rache von Erdgeistern. Ich war ziemlich sicher, dass Frau Musa an Krätze litt. Doch das notwendige Mittel führte ich nicht mit mir. Meine Kräuter, erwartungsmäß inzwischen etwas welk, konnten allenfalls den Juckreiz lindern. Es wäre besser und weniger schmerzhaft gewesen, sie jetzt frisch auflegen zu können und feucht zu halten. So aber musste ich mich zu Wickeln mit einem heißen Sud entschließen. Wasser gab es genügend und auch eine richtige Kochplatte, die mit Strom betrieben wurde. Gemessen an unseren damals noch einfachen Verhältnissen auf der Farm herrschte in diesem Haus Luxus.
Ich erklärte meiner Patientin, dass ich zwar zuversichtlich wäre, sie heilen zu können, doch dazu bräuchte ich andere Pflanzen: „Am besten, Sie lassen sich noch heute Nachmittag von Ihrem Mann zu meiner Farm bringen. Dort kann ich Ihnen wirklich helfen“, sagte ich. „Bis Sie kommen, werde ich die richtige Medizin zusammen gestellt haben.“ Ich wusste, dass der betreffende kleine Baum, den die Einheimischen Puddingapfel nennen, ganz in der Nähe wuchs; auf meinem Weg zu Frau Musa war ich daran vorbei gekommen.
Frau Musa antwortete eine Weile lang nichts. Ich wusste ihr Schweigen nicht zu deuten. Hatte ich etwas Falsches gesagt?
„Ich kann das Haus nicht verlassen“, meinte sie endlich. „Ich fühle mich unrein. Niemand soll mich so sehen.“
Diese Begründung von Kranken hatte ich schon öfters gehört. Sie resultiert aus dem alten Glauben der Menschen, dass Krankheit eine Strafe der Götter ist. Ich habe gelernt, diese Ansicht zu respektieren: „Dann lassen Sie sich nach Einbruch der Dunkelheit fahren. Draußen steht ein großer Lastwagen und der Weg zu mir ist nicht weit.“
Wieder folgte ratloses Schweigen. Ich entschloss mich, der Patientin die Wahrheit zu sagen: „Sie könnten Ihre Tochter anstecken. Es ist wirklich nötig, dass Sie sofort etwas unternehmen.“
„Ich werde Fatima zu Ihnen schicken, wenn ich Ihre Hilfe wieder brauche“, sagte Frau Musa und entlohnte mich großzügig, ohne dass ich eine Forderung stellen musste.
Fatima begleitete mich hinaus. „Wir sind erst vor einem halben Jahr hierher gezogen“, berichtete sie auf meine Frage. Die Familie stammte aus Kaduna, wo auch Efe vor vielen Jahren gelebt hatte.
...
„Komm, wir geben eurem Hund noch etwas Wasser“, regte ich an.
„Mein Vater ist bei ihr“, antwortete das Kind und in seiner Stimme schwang der Unterton von Erleichterung. Fatima schien nicht die geringste Neigung zu spüren, sich dem Hund zu nähern.
Neben den Baufahrzeugen erkannte ich einen kräftigen Mann in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Die Hündin hatte er mit einem simplem Trick daran gehindert, ihre Jungen zu verteidigen: Er hatte es so angestellt, dass sie mehrmals um den Baum, an dem sie angebunden war, herumgelaufen war und nunmehr an der kurzen Kette hing. Jetzt stieg er in den Bagger und setzte ihn soweit zurück, dass ich sehen konnte, was sich darunter verbarg: sieben Welpen. Langsam ging ich näher. Das wütende Gebell der Hündin begleitete jeden meiner Schritte. Fatimas Vater kletterte aus dem Bagger, schnappte die Hundebabys mit beiden Händen, die in Arbeitshandschuhen steckten. Das Gebell der Hundemama ignorierte er. In der Nähe stand eine Pappkiste, offenkundig für den Hundetransport vorgesehen.
„Entschuldigung,“ rief ich, „darf ich Sie kurz sprechen?“
Der Mann blickte über die Schulter, blieb aber stehen. Herr Musa ließ die Arme mit den Welpen hängen. Er wirkte ziemlich hilflos. Wie ein Mensch, der etwas tut, das er eigentlich nicht machen will, aber keinen anderen Rat weiß.
„Wollen Sie sie haben?“, fragte er.
Ich war überrumpelt; daran hatte ich nicht gedacht. Ich hatte mit ihm über die weitere Behandlung seiner Frau reden wollen. Meine Antwort war mehr ein Reflex: „Was haben Sie mit den Hunden vor?“
„Ich weiß es nicht. Niemand will sie haben.“ Fatimas Vater deutete mit dem Kopf zur Kiste. „Ich werde sie fortbringen.“
„Wohin?“, fragte ich.
Herr Musa zuckte die Schultern. „Die andere Heilerin behauptet, dass meine Frau wegen der Erdgeister krank geworden ist. Aber ich glaube, es sind diese Hunde. Meine Frau fand sie süß und hat mit ihnen gespielt. Doch der Prophet hat schon gesagt, wir sollen Hunde nicht wie Schoßtiere behandeln. Sie sind unrein.“
Ich stutzte: Von welchem Propheten sprach der Mann? Ich wollte mein Unwissen nicht zur Schau stellen und überging die Bemerkung. „Darf ich mir die Hunde ansehen?“, fragte ich und trat näher. Die Welpen waren winzig und völlig unterernährt. Ich schätzte sie auf höchstens sechs Wochen.
Jetzt konnte ich das Puzzle zusammenfügen: Die Welpen ... Frau Musas Krätze. Hatte sie sich bei ihnen angesteckt? Das wäre immerhin möglich gewesen. Ich bat Musa, die Hunde in die Kiste zu setzen, um sie besser in Augenschein nehmen zu können. Einen der verspielten Kerlchen nach dem anderen untersuchte ich. Trotz der ungeeigneten Kinderstube, in der sie groß geworden waren, war ihr Fell sehr sauber, die Haut darunter gesund. Meiner Meinung nach konnten die Welpen nicht die Ursache von Frau Musas Erkrankung sein.
Ihr Mann schien nicht viel auf mein Urteil zu geben: „Sie müssen weg.“
Was das bedeutete, konnte ich mir gut vorstellen -- ihren Tod, auf welche Weise auch immer. Was aber sollte ich mit sieben Welpen, allesamt niedlich und hilfsbedürftig?
Herr Musa hatte Mühe, die zu kleine Kiste zu schließen. Einer der Welpen nutzte diesen Moment und entkam. Das Tierchen rannte direkt auf mich zu. Ich musste mich nur bücken und es geschwind packen. Seine Nase war schwarz, zwei hellbraune Flecken über den Augen zierten sein rundes Gesicht, der übrige Körper war ebenso schwarz wie der Rest, nur die Schwanzspitze hatte einen braunen Tupfer abbekommen.
„Passen Sie auf, dass Sie nicht krank werden“, warnte Fatimas Vater, obwohl ich zuvor alle untersucht hatte.
Dass ich Herrn Musa überzeugen wollte, seine Frau am Abend zu mir zu bringen, hatte ich über das kleine Hundedrama völlig vergessen. Ich verabschiedete mich schnell und trug meinen Schützling davon. Ich fragte nicht, was aus er mit den übrigen Welpen vorhatte. Es ist unmöglich, die ganze Welt zu retten. Man kann nur kleine Schritte machen.

Zwischenfall auf dem Markt

Im Schein der einzigen kleinen Lampe, die die Veranda erhellte, erkannte ich das Gesicht meiner Schwester Efe kaum wieder. Ihre Augen waren zugeschwollen, auf der Wange klebte Blut. Lape schien äußerlich unverletzt, doch sie humpelte stark. Die Körbe der beiden waren leer. Ein Überfall, folgerte ich, jemand hat sie auf dem Rückweg ihres Geldes beraubt. Viel konnte es nicht gewesen sein; die Madonnen und das bisschen Gemüse brachten ein paar Naira ein. Dafür jemanden so zuzurichten, zeugte von tiefer Boshaftigkeit.
...
Stockend begann Efe ihren Bericht: Die beiden hatten schon einige Stunden geduldig vor ihren am Boden ausgebreiteten Waren ausgeharrt, jedoch nur Gemüse und Kräuter verkauft. Nichts aber von ihren Holzarbeiten, die für sie mehr bedeuteten als nur eine mögliche Geldquelle. All ihre Kunstfertigkeit und Liebe lag darin.
„Endlich blieb ein junger Mann längere Zeit stehen“, erzählte Efe. „Er fragte uns, wer der Junge ist, den ich geschnitzt hatte. Ich sagte ihm, Gott hätte meinen Sohn von seinem Leid erlöst. Aber ich wäre überzeugt, dass er wieder zurück käme auf diese Welt, um ein glücklicheres und besseres Leben zu führen. Da antwortete der Mann, dass es nicht richtig wäre, Gottes Geschöpfe nachzubilden. Ich verstand nicht, was er meinte, aber er wollte es nicht erklären. Er befahl uns, die Madonnen und das Bild von Jo wegzupacken. Wenn wir das täten, dürften wir den Rest weiterhin verkaufen.“
„Seid ihr der Aufforderung dieses Mannes gefolgt?“, fragte ich. Und begriff ebenso wenig wie meine Gefährtinnen, was Efe und Lape nach Ansicht des Fremden falsch gemacht hatten.
Meine Schwester schüttelte den Kopf. „Du hast die Madonna doch selbst früher auf dem Markt verkauft. Also blieben wir. Später kam er zurück. Ein älterer Mann begleitete ihn.“ Sie zitterte am ganzen Leib, während sie weitersprach. „Dieser Mann trug einen Bart und einen weiten, grauen Umhang sowie einen Turban. Er starrte auf uns herab. Schafft das weg!, befahl er uns. Lape fragte, ob irgendwo geschrieben stehe, dass Holzschnitzereien nicht verkauft werden dürften. Da wurde der alte Mann sehr zornig. Er sagte, dass er der Aufseher des Marktes wäre und zu bestimmen hätte, was wir verkaufen dürften. Er stieß mit dem Fuß nach den kleinen Figuren, die Jo darstellten.“
Ein Weinkrampf hinderte Efe daran, ihren Bericht fortzusetzen. Nachdem wir sie beruhigt hatten, erzählte sie, was weiter geschah: Sie war aufgestanden und hatte den Mann geschimpft, dass er keinen Respekt hätte vor dem Andenken an ihren toten Sohn. „Aber der Marktvorsteher wurde wütend. Er sagte: `Es ist zu eurem eigenem Besten, wenn ihr die Figuren vernichtet. Am Tag der Wiederaufstehung wird Gott jene Ungläubigen am härtesten strafen, die das Abbild seiner Schöpfung nachahmen. Denn sie sind stolz auf ihre Arbeit und glauben so groß zu sein wie Gott.` Ich widersprach ihm: `Ich will nicht, dass mein Sohn vergessen wird. Jeder soll ihn kennen lernen.“
Der alte Mann ließ Efes Rechtfertigung nicht gelten. Er bückte sich nach einer der Madonnen und schlug ihr mit voller Wucht den Kopf ab. „Ihr Christen sollt eure Götzen nicht größer machen als den Glauben an Gott.“ Dann ging er auf die gleiche Weise vor mit dem Bildnis des kleinen Jo und herrschte meine Schwester an: „Wahre Unsterblichkeit kann nur Allah deinem Sohn gewähren. Es ist seine Aufgabe, die wirkliche Größe eines Menschen zu erkennen, den seine Mitmenschen nicht wahrgenommen haben. Wenn du an Gott glaubst, so bewahre die Erinnerung an deinen Sohn in deinem Herzen auf.“
Nachdem er das gesagt hatte, zerstörten er und sein jüngerer Begleiter sämtliche Figuren. Efe und Lape versuchten vergeblich, ihn daran zu hindern. Inzwischen war noch eine Anzahl von Leuten hinzugekommen; ein Handgemenge entstand. Am Ende fanden sich meine beiden Schwestern blutend inmitten ihrer zerstörten Habe wieder. Erst nach einer Weile fanden sie die Kraft, sich aufzurappeln. Die am Bein verwundete Lape führte Efe, die kaum mehr sehen konnte. Die beiden brauchten Stunden für den Rückweg und wurden von der schnell hereinbrechenden Nacht überrascht.
Bisi begleitete ihre Tochter in ihr Bett im ersten Stock, die anderen halfen Lape. Schließlich waren nur noch Ada, Ngozi und ich übrig. „Ich verstehe es nicht“, gestand ich. „Was ist so schlimm daran, wenn jemand die Mutter Gottes und ein verstorbenes Kind nachbildet? Was geht das die Muslime an? Sie brauchen die Schnitzereien ja nicht zu kaufen.“
Mama Ngozi hatte während Efes Bericht kein einziges Wort gesagt. Auch jetzt wirkte ihr Gesicht verschlossen. ... „Es tut mir so Leid für Efe und Lape, dass sie diese Gewalt erleben mussten. Sie haben nur ihren Glauben vertreten.“
„Das haben die anderen auch“, kommentierte Mama Ada in ihrer unnachahmlich trockenen Art, auf die mir keine Entgegnung mehr einfällt. Genau genommen hatte sie Recht. Nur traf uns diese Gewaltbereitschaft völlig unvermittelt.
„Wie sollen wir uns verhalten?,“ fragte ich ratlos, „die Polizei einschalten?“
Die kleine Mama Ngozi lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Ich kenne diesen Marktvorsteher nicht. Aber ich werde demnächst in die Stadt gehen und die Frauen der Kooperative fragen. Wenn er jedoch wirklich diese hohe Position hat, dann wird die Polizei nicht gerade erfreut sein, gegen ihn zu ermitteln.“ ...
„Ich denke,“ entgegnete Mama Ada bedächtig, „dass Efe einen Fehler gemacht hat. Sie hätte sich der Forderung des Marktvorstehers nicht widersetzen dürfen.“
„Dieser Mann hat das Andenken an ihr Kind zerstört. Jede von uns hätte sich gewehrt“, gab ich zu bedenken.
„Es geht um mehr als das“, verbesserte Ngozi mich energisch. „Wir glauben an Jesus Christus. In Kaduna sind Menschen dafür gestorben. So wie auch Jesus am Kreuz nicht widerrufen hat. Efe hat richtig gehandelt.“
„Habt ihr vergessen, was Papa David gelehrt hat?“, fragte Mama Ada ruhig. „Du sollst die andere Wange hinhalten.“

Schatten der Vergangenheit


In mir hatte sich so viel gesammelt, das heraus wollte. Sollte ausgerechnet die liebe Bisi meine aufgestaute Wut zu hören bekommen?
Ich schlug einen versöhnlichen Ton an: „Ich habe vor Jahren einige Gespräche belauscht, die du mit Mutter geführt hast. Du warst gegen meine Ehe mit Felix. Du warst es, die meiner Mutter vorgeworfen hat, dass ich geopfert werden sollte für den Frieden zwischen den Familien.“ Meine Tränen liefen ungehindert. Mama Bisi stützte meinen von Weinkrämpfen geschüttelten Körper, bis ich mich endlich wieder beruhigt hatte. ...
„Es geht nicht um die Ereignisse von heute“, sagte sie langsam und ganz ruhig. „Um dich geht es, meine Kleine. Um deine Vergangenheit, nicht wahr? Du hast in diesem Haus, das uns eine Zuflucht geworden ist, die Hölle erlebt. Das habe ich wohl verdrängt. Und nun sollst du den Glauben deiner Eltern verteidigen, der dir so viele Schmerzen bereitet hat. Verzeih, mein Kind, dass ich daran noch nie gedacht habe.“ Ich spürte, wie sie ihre Tränen hinunter schluckte. „Du müsstest dieses Haus eigentlich hassen“, sagte sie.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das tue ich nicht. Ganz bestimmt nicht. Ich liebe diese Farm. Ich war hier glücklich.“ Doch die Tränen, die nicht mehr aufhören wollten zu fließen, widersprachen meinen Worten.
„Und sehr, sehr unglücklich“, bekräftigte Mama Bisi. „Es heißt zwar, dass viel Licht viel Schatten erzeugt. Doch die Schatten werden manchmal zu Gespenstern, die einen nicht mehr loslassen.“
„Diese Zisterne,“ sagte ich, „weißt du noch?“
„Was war mit ihr? Die war doch ausgetrocknet“, fragte Bisi.
„Nicht deswegen habe ich darum gebeten, dass wir sie zuschütten und die kleinen Mauern abreißen, die mein Bruder Jo und ich gebaut hatten. Jedesmal, wenn ich an ihr vorbei kam, musste ich an diese Nacht denken: Nachdem Felix mich das erste Mal vergewaltigt hatte, bin ich hineingestiegen und habe versucht, mich in der Kälte der Nacht in dem schlammigen Wasser zu reinigen. Ich bekam hohes Fieber. Trotzdem bin ich am nächsten Morgen zur Versammlung gegangen. Ich wollte Felix nicht den Triumph gönnen, mich besiegt zu haben.“
„Du willst immer stärker sein als du wirklich bist“, meinte Mama Bisi. „Doch Kraft ist nicht grenzenlos.“ Der Druck ihrer Arme wurde stärker. „Ich habe diese Geschichte nicht gekannt. Ich weiß überhaupt viel zu wenig von deinem Leben nach deiner Heirat.“ Sie schob mich sanft von sich und blickte mir tief in die Augen. „Wahrscheinlich werde ich niemals alles erfahren und einfach akzeptieren müssen, dass wir nicht für immer mit dem Erbe deines Vaters leben können. Ja, Kind, du hast Recht. Wir sollten einen Schlussstrich ziehen. Die Familie gibt es nicht mehr. Wir brauchen keine Tracht, die uns von unserer Umgebung unterscheidet.“
Sie lächelte mich aus müden Augen an und nahm das weiße Kopftuch ab, ohne das ich sie selten gesehen hatte. „Ich habe fröhliche Farben immer gemocht. Auf meine alten Tage werde ich noch einmal bunte Stoffe tragen. So wie die Blumen, die sich schmücken. Das macht mich zwar nicht jünger, aber meinen Blumen vielleicht etwas ähnlicher.“
„Was werden unsere Gefährtinnen sagen?“, fragte ich.
„Sie werden tun, was Schwester Ngozi sagt“, meinte Bisi. „Die meisten hören auf sie.“
„Sie wird meinen Vorschlag ablehnen“, prophezeite ich.
Mama Bisi blickte auf das weiße Kopftuch in ihren Händen. Dann ließ sie es langsam zu Boden gleiten.

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